Vakuum-Demokratie

„Wie hat er die Dokumenteneigenschaften unterzeichnet?“, Ivanоvs Kehlkopf vibrierte ins Mikrofon hinein, an das er sich anlehnte.

Der Leiter der segmentären Wahlkommission hatte einige Dateien wirklich schwungvoll unterschrieben. Die werden ungültig sein, wenn die Unterschrift nicht anerkannt wird. Du erklärst einem blöden Apparat doch nicht, dass das die gleiche Unterschrift ist, bloß ein wenig verziert, weil der Vertreter der politischen Macht  an diesem Tag in einer wunderbaren Stimmung war.

„Keine Sorge, Ivanov. Es ist jemand hinter ihm her“, tönte das kleine Headset im Ohr, das mit dem Cyber-System-Administrator in Verbindung stand, „Unser Geschäft ist die Mückenjagd.“

„Die Mücken“ – das waren Viren die von Zeit zu Zeit an ein Wahl-Cyber-System herangelassen wurden. Und natürlich wurde das von der egoistisch gesinnten Opposition getan, wie die Exekutive beteuerte. Warum stellte es sich dann tatsächlich heraus, dass es sich hauptsächlich um Stimmzettel für den Oppositionskandidaten handelte, die ungültig waren? Hinsichtlich der Logik dieser egoistisch gesinnten Opposition schwiegen die Behörden…

Allem Anschein nach war diese Mücke von der unlogischen Opposition, die ins Wahllokal ging, kurz gesagt, ein gewöhnlicher, durchschnittlicher Steuerzahler: sowohl der vierzigstellige genetische Code als auch sein Humor waren in Ordnung, völlig durchschnittlich. Aber er berührte die Wählerschaft und die armen Hunde blieben sofort hängen und manchmal erstarrte sie in den unanständigsten Posen (woraufhin die Wähler erst nach „Steuerung-Alt-Escape“ das Problem verständlicherweise fluchend behoben). Er berührt den Wahlzettel und dieser begann dann zu schmelzen und zu tropfen.

Aber wie der unsterbliche Kapitän Zheglov sagte: „Ich werde stets Sieger sein!“ Und die unterschiedlichen Mücken hatten keinerlei Chancen gegen die staatliche Antivirensysteme.

Sie zeigten sich sehr leicht – sowohl durch heuristische Analysen ihres genetischen Codes, als auch durch ihre nicht völlig menschlichen Reaktionen. Das Schießen auf Wahllokale wurde zur Routine und ungeachtet der Bekanntheit der Angriffe jener Tage, gelang es den Hackern nicht, einen ernsthaften Schaden zuzufügen. Sie schadete im kleinen Rahmen. Durch ihr Kommen. Genau wie Mücken. OderallerhöchstenswieVögel…

„Aber haben Sie nicht zu schwungvoll unterschrieben?“, ein junges Mädchen, eine Wahlbeobachterin der Opposition,wandte sich inzwischen mit einer Bemerkung an den Vorsitzenden der Kommission. Genauer gesagt war sie von der interplanetaren Liga „Zeit“. So eine vom Schlag Zoja Kosmodemjanskaja, die sich sogar durch die Todesstrafe oder durch den Ausschluss aus der Universität nicht einschüchtern ließ.

Eigentlich entstand Ivanovs Assoziation zwischen ihr und Zoja Kosmodemjanskaja nur deswegen, weil er sich vor kurzem, einen Monat zuvor, auf der Erde in Moskau im Filmmuseum verlaufen hatte. Dort wurde ein restaurierter und holografisch überarbeiteter sowjetischen Heldenthriller über den Krieg zwischen den Sowjets und Deutschland Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts gezeigt. DerFilmhieß “ ZojaKosmodemjanskaja“.

„Nein“, erwiderte der Vorsitzende brummend, „Alles ist gut.“

„Sagen Sie das auch dem Computer der zentralen Wahlbehörde, wenn er Stimmzettel nicht annimmt?“

 „Beiunswerdenalleangenommen. Stören Sie uns nicht bei der Arbeit!“

„Die Opposition leidet wie immer unter einer Paranoia“, kommentierte der Vertreter der Partei „Demokratischer Gürtel vom Ceres“.

„Wenn du in Rom bist, dann mach es wie die Römer…“, konterte „Kosmodemjanskaja“, denn sie war nicht auf den Mund gefallen. An ihrer eigenen Universität studierte sie sicher nicht mehr.

„Wirklich, Dimitritsch, du solltest bescheiden sein“, ergriff der stellvertretende Kommissionsleiter, ein älterer Herr, für das Mädchen Partei, „Du bist doch Rektor und kein….“

Niemand verlangte von ihm, seinen Gedanken zu beenden. Alle wussten, über wen er redete. Und auch sie brannten nicht besonders darauf, ihre Vermutungen zu verlautbaren. Wer die richtige Antwort gibt, so sagt man, erhält zehn Jahre. InklusiveKonfiszierungen.

Im kugelförmigen Wahllokal, irgendwo zwischen Vesta und Pallas, hing erneut ein geschäftiges Schweigen in der Luft: klappernde Computertastaturen, Wahlbeobachter unterhielten sich leise… Im krassen Gegensatz dazu gab es in der virtuellen Welt einen Aufruhr der brodelnden Wählerschaf, der Masse, die durch Gedränge Brownsche Bewegungen und Turbulenzen erzeugte. Die Wahlbeteiligung würde am Ende des Tages die neunzig Prozent übersteigen.

„Lieber unser Arschloch, als ein fremdes.“

„Hey du, versteh´ doch, es ist doch nie unseres…“

Man hörte die verschiedensten Zwischenrufe aus der Menge. Aber er kam nicht zu Handgreiflichkeiten. Was sollen Handgreiflichkeiten zwischen Hologrammen überhaupt sein? Von Zeit zu Zeit knallten Schüsse des Deleters – Ivanovs virtueller Waffe – ungewünschte Objekte wurden entfernt. Insbesondere die Mücken.

Es gab auch Besucher, die offensichtlich versuchten, auf der Webseite Wahlwerbung zu betreiben. Sie wurden nach dem zweiten Warnschuss entfernt.

Eigentlich nahm Ivan Ivanov, der sich gut mit Computern auskannte, die Arbeit der Cyber-Security auch deswegen an, weil er das sogenannte „Führungsauge“ leicht wechseln konnte. Denn im Grunde genommen befand er sich in jenem Moment gleichzeitig in zwei Bereichen: mit dem linken Auge, auf dem er ein Cypervisier trug, war er im virtuellen Wahllokal und das rechte, freie Auge blickte in die Realität. Wie als ob Sie durch ein Teleskop oder Fernrohr schauen und das zweite Auge dabei geöffnet haben: Das Gesehene wird davon abhängen, welches Auge von Ihnen in der Wahrnehmung zum dominanten gemacht wird. Astronomen raten übrigens auch mit dem freien Auge nicht zu blinzeln. So schadet es den Augen nicht. Nun, bei Wahlen ist eine ähnliche Fähigkeit ebenso nötig: man muss auch in der Realität nach dem Rechtem sehen.

Doch leider funktioniert das nicht mit den Ohren. Der Aufruhr, der in einem Ohr zu hören war, übertönte das Gemurmel im anderen völlig. Igor musste daher den Lärm des virtuellen Wahllokals im linken Kopfhörer auf die Lautstärke der leisen Realität reduzieren. Jedenfalls bis zu der Lautstärke, die von einem großem Wandbildschirm ausging, wo ein regierungsnaher Kanal lief und wo Nachrichten des Wahltages verbreitet wurden.

Eigentlich war die gleichzeitige Anwesenheit in der virtuellen und der realen Welt nur eine Besonderheit der Wachmannschaft. Der Rest, die Wahlbeobachter und die Kommission, waren im virtuellen Bereich nur mittels der Computerbildschirme zugegen…

Und Ivanchenko, ein Kollege von Ivanov, der weniger flink mit Computern war, war damit beschäftigt, die Urnen zu den Wählern zu schaffen, den Bürgern von Metropolia, die sich aus verschiedenen Gründen nicht in das Netz einloggen konnten. Auf diese Weise arbeiteten Geschäftspartnern aus Ferntransportunternehmen auch bei diesen Wahlen im Nebenverdienst. Einer jagt die Mücken, der andere fliegt selbst umher.

Na und? Der Handel geriet ohnehin ins Stocken – Wahlen sind immer Gift fürs Geschäft. Insbesondere die normalen, schmutzigen Präsidentschaftswahlen auf dem Asteroiden Metropolia, ein Wahl-Fieber erfasste die Hälfte des Sonnensystems. Warum also nicht an diesem Fieber verdienen? Insbesondere, da es schon lange kein Goldfieber mehr gab…

Und jetzt war Ivanchenko nach allen Schätzungen irgendwo auf der Venus. Eigentlich in den inneren Systembereichen.

„Hey, Kleine!“, rief Ivanov einem Mädchen zu, das den virtuellen Raum zur Abstimmung betrat, „Vielleicht ficken wir auf der Dyson-Sphäre?

Ihre Hand erreichte Ivanovs Wangen nicht mehr: Sie löste sich nach dem Schuss aus dem Deleter genauso wie ihre Besitzerin spurlos auf. Die „Mücke“ übertrieb es hier aber. Ein echter Mensch wunderte sich zunächst zumindest: Wo sagst du? AufwasfüreinerSphäre?

Doch nicht alle, erst recht die Jungen mit einem Modellaussehen, die aufgrund ihres genetischen Codes sehr weit von der Wissenschaft entfernt waren, wussten über diese spezifisch-astronomischen Lehren eines amerikanischen Theoretikers aus der Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts Bescheid. Eigentlich wäre eine echte Dame zu Beginn mit der Klärung einiger Einzelheiten beschäftigt – vielleicht galt das gar nicht ihr? Aber dann wirklich eine aufs Maul. Sie würde sich höchstwahrscheinlich aber nur auf ein Feststellung beschränken: Arschloch!

Und dieses Mädchen… Also für das Computer-Programm war es natürlich keine Frage, was die Dyson-Spähre war. Aber es achtete einfach nicht darauf. Das Signal einer Beleidigung bedeutete – eine aufs Maul. Oder im Gegenteil, einfach zu ignorieren. Auch eine Variante. Aber vielleicht wollte diese Mücke Ivanov bloß fertig machen: Aber jener würde sich erst aufhängen, wenn er mit diesem Virus in Berührung käme. Er würde jedenfalls langsamer werden…

„Du hast auch ganz schöne Methoden“, sagte der Admin.

Nachdem er den Deleter ein wenig am Finger kreisen gelassen hatte, steckte der virtuelle Ivanov ihn wieder zurück in die Halterung und ging zu einer älteren Besucherin herüber. Die Mücke schaffte es, diese zu berühren, die Frau verkrümmte sich und erstarrte in dieser unnatürlichen Pose.

„Drücken Sie mit drei Finger“, sagte Ivan während er sich zum Ohr der Alten hinbeugte, „Steuerung-Alt-Entfernen! Nur so geht´s. Sie kommen dann leicht herein ohne Registrierung: Das System hat sich Ihren Code gemerkt“

„Ich weiß das…!“,  ächzte die Alte etwas gehemmt, fluchte eigenartig und verschwand im nächsten Moment.

Im Allgemeinen ging im Wahllokal alles seinen gewohnten Gang, obwohl der Tag natürlich nervig war.

Und niemand maß dem eine Bedeutung zu, dass der Wahlbeobachter von Ceres schon längere Zeit fehlte.

Vielleicht war der Mann wegen eigener Angelegenheiten weggegangen. Wer weiß… Vielleicht wurde dem Vertreter der derzeitigen Regierung schlecht. Kommtvor.

Aberwiesichherausstellte, waresmehr…

„Was war das?“, fragte Ivanov, nachdem es sowohl in der realen als auch in der virtuellen Welt eine ziemliche Erschütterung gab. Der System-Administrator des Systems Wahl-0139/4 schwieg. „Was soll das…?“ „Ach, Pallas, hören Sie mich? Bitte kommen!“

Aber aus irgendeinem Grund brach die interplanetare Verbindung ab.

„Achtung! Angriff der Stufe eins“, meldete das Sicherheitssystem des Schiffes höflich, „Es wird dringend empfohlen, die Sicherheitsgurte anzulegen. Eindringlinge auf dem Schiff. Danke, dass Sie sich für ein Sicherheitssystem der Firma „Sturm“ entschieden haben. Die Firma „Sturm“, das bedeutet…“

Die Anwesenden in der realen Welt schauten sich erstaunt an. Ein Angriff der Stufe eins war doch im Grunde genommen eine Invasion. Zu Friedenszeiten? Auf ein Verwaltungsobjekt? Und wo war die ganze Exekutive? In einem Asteroidengürtel, jedoch…

„Arrgh…! Was für ein Scheißtag heute?!“, ärgerte sich eine ältere Dame, während sie versuchte, ihre ausgefüllte Wahlzettel-Datei in die Urne zu übertragen. Es war dieselbe ältere Dame, welche die „Mücke“ vor kurzem „gebissen“ hatte, aber sie schaffte es wieder ins Wahllokal. „Hey, ihr verdammten Administratoren, oder wie ihr auch immer heißt, zum Teufel einmal. Wo steckt ihr denn?! Was… ist hier bei euch los?! Das funktioniert doch nicht…“

Eine ähnliche Stimmung herrschte in diesem Moment im gesamten virtuellen Raum, wo plötzlich alles abstürzte und das ganze Personal irgendwohin verschwand.

Der Trubel durch die Verwirrung der Wählerschaft erreichte seinen Höhepunkt und wandelte sich in ein leicht erkennbares, einhelliges Fluchen, aber diese übereinstimmende Rede stoppte schlagartig. Absolut alle wurden in einem Moment aus dem virtuellen Wahllokal gelöscht.

Es herrschte eine Vakuumstille. Eine stumme Szene. Niemand wusste, was man davon halten sollte.

Eine irgendwie unwahrscheinliche Situation, die mehrmals durch die doppelt-abgesicherten Computersicherheitssysteme der Regierung ausgeschlossen war. Sogar trotz der Tatsache, dass dieser Staat der Asteroid Metropolia war. So etwas ist ohne das Einverständnis von ganz oben kaum möglich… Sogar die schnelle Eingreiftruppe, der WachmannIvanov und die Programmierer, reagierten nicht besonders und schauten sich verständnislos an.

Nach einem eigenartigen Räuspern fasste sich der Bezirksvorsitzende als Erster:

„Ist es leicht schon acht?“

Die Frage war natürlich logisch, da es doch erst um acht Uhr abends Ortszeit jenes Sonnensektors passieren konnte, wenn die Wahllokale schließen würden, aber an wen er diese Frage richtete, war unklar. Wahrscheinlich an die die riesige elektronische Anzeige der Atomuhr, die an der Wand unter dem Fernseher hing.

Diese zeigte etwa drei Uhr nachmittags an und hatte nicht die Gewohnheit, zu lügen. Bestimmt interessierte es den Verwaltungsvorsitzende weiters sehr, warum man ihn, bekanntermaßen den Rektor der Mineralogische Universität von Pallas, den Vorsitzender aller lokalen Wahlbehörden auf Lebenszeit, opferbereit und allen seinen Vorgesetzten treu, warum man ihn über diese Aktion nicht benachrichtigt hatte! Das wäre doch besser gewesen! Hier gab es klarerweise niemanden, den er hätte fragen können.

Doch in der Hauptstadt gab es jemanden – aber er fürchtete sich davor, zu fragen.

„Hallo, Pallada, bitte kommen!“, wiederholte Ivanov unsicher, „Angriff der Stufe eins auf das Wahllokal 207. Brauchen Hilfe…“

Stille. Ivanov war dabei, den Stuhl hinter seinem Steuerpult zu verlassen, um irgendwelche wirksamerer Maßnahmen gegen die noch unbekannten Täter zu ergreifen, als…

„Achtung, an alle Anwesenden!“, erneut erklang die die sanfte Stimme des Systems, „Bleiben Sie zu Ihrer eigenen Sicherheit an Ihren Plätzen, weil dieser Bereich derzeit in den ´Vakuum-Demokratie-Modus´ gebracht wird. Ich wiederhole...“

Vakuum-Demokratie! Also wirklich, derjenige, der sich diesen Modus ausgedacht hat, musste wirklich über eine alternative Wahrnehmung der Welt und eine nicht völlig gesunde Psyche verfügen, um einen derartigen Prozess so zu nennen. Die Luft wurde aus dem Raum gepumpt und konzentrierte sich dann nur um die nötigen Objekte. Und Subjekte. Immerhin ökonomisch. Besonders wichtig war es dort, wo es einen Luftengpass gab.

Daher blieb Ivanov, so wie jeder Nicht-Selbstmörder, an seinem Platz. AlsosowiejederimSaal.

Und im nächsten Augenblick saugten zahlreiche Abluftventilloren die Raumluft sorgfältig ein. Nur die Menschen blieben von einer Lufthülle umgeben. Genauso wie Planeten.

Was? Sie behaupten, in den Physikschulbüchern stehe hinsichtlich der Wahrscheinlichkeit etwas anderes, als dass sich plötzlich die gesamte Raumluft beispielsweise in ein Glas auf dem Tisch füllt oder sich in der Nähe eines Objekts ansammelt…? Das ist Null und Nichtig sowohl theoretisch als auch praktisch. Schlussendlich gibt verschiedene Fluktuationstheorien, Turbulenz, Konvektion, die Maxwellsche Geschwindigkeitsverteilung…

Also gut. Nein, Schulbücher lügen natürlich nicht.

Sie wurden lediglich für die natürliche Natur geschrieben: ohne spezifische Kraftfelder, die in mehreren Richtungen auf bestimmte Arten von Moleküle wirken, ohne verschiedene Umwandlungsprozesse von Information zu Energie, im Vergleich dazu ist eine thermonukleare Fusion wie ein Puff – in einer nicht sehr angenehm Weise.

Da kann man nichts machen – eine allgemeine Theorie der Felder plus.

Und diese „Vakuum-Demokratie“ ist, wenn man ehrlich ist, eine nicht so schlechte Sache. Und nützlich. Es ist bloß kaum eine Demokratie. Eher eine „Schuldvermutung“ für lebende Organismen und ihre Produkte: Erst wenn du beweist, dass Luft für dich lebensnotwendig ist, bekommst du sie. Kurz gesagt, war die Entrüstung der Begründer des Völkerwahlrechts und derjenigen, die es überwachten, grenzenlos.

Zuerst hackte man das Wahllokal, dann die „Vakuum-Demokratie“, die man nur durch ein spezielles Steuerkommando vom Pult des kugelförmigen Wahllokal-Schiffs aus einschalten konnte. Das heißt, es ist natürlich verständlich, warum sie aktiviert wurde: um die Anwesenden zu isolieren. Aber wozu? Welche Überraschungen würden noch kommen?

Und wo war übrigens der Wahlbeobachter vom Demokratiegürtel?

Während sich Ivanov in Vermutungen verlor, betraten einige Raumanzüge den Saal. Schwere soldatische. Die Gesichter waren hinter den Visieren nicht sichtbar.

„Meine Herren Demokraten!“, ertönte eine Stimme in den Kopfhörern. Diese Stimme war offensichtlich am Computer verändertet worden, „Wir entschuldigen uns für die derzeitigen Unannehmlichkeiten. Es handelt sich lediglich um fünf bis zehn Minuten, während wir hier eine Kleinigkeit aufräumen. Danach geht die Demokratieparty weiter. Es wäre wünschenswert, wenn Sie sich während dieser Zeit nicht bewegen und ruhig atmen würden. Das ist auch in Ihrem Interesse und im Interesse Ihrer inneren Organe.

Da fällt mir übrigens ein Witz über böse Menschen ein, die einen Bullen in der Druckkammer zerfetzt haben und dann sagen: das sind schon keine inneren Organe mehr. Demokratie, ach, ist keine Sache für die es sich zu sterben lohnt…“

Offensichtlich war dieser redegewandteste Anzug der Kommandant und er übernahm die „Publikumsunterhaltung“. Und während er diese Eröffnungsrede hielt, verteilten sich die übrigen Anzüge im Wahllokal und… sie begannen damit, die Computer sorgfältig zu öffnen, von dort die Festplatten herauszunehmen und andere einzusetzen. Durch absolut die gleichen.

„Seien Sie unbesorgt, alles wird funktionieren“, beruhigte der eloquente Anzug, „Sie haben es hier doch mit professionellen Hackern zu tun, und nicht mit irgendwelchen Amateuren…“

„Die sitzen am längeren Hebel“, dachte Ivanov, „Und gegen den Hebel dieser Mücken gibt es keinerlei Schutz im staatlichen Antivirensystem. Außer im Innenministerium. Aber wo blieb das bloß?

Er hätte natürlich seine, sehr reale Dienstwaffe benutzen können, aber seine Schockwaffe gegen deren Anzüge…da hätte er sie auch bloß anspucken können. Mit seiner virtuellen Waffe war es genauso. Sie hielten es nicht einmal für nötig, ihn zu entwaffnen.

„Wer sind Sie eigentlich?“, hörte man schließlich die Stimme des Kommissionsleiters, dessen Glatze reichlich schwitzte, „Und was geht hier vor?“

„Wir sind unsere eigenen Herren“, antwortete genau dieser Anzug, „Wir alle hier sind unsere eigenen Herren. Denn, wie Sie wissen, sind alle Menschen Brüder. Und jeder Bruder macht seine Arbeit.“

Und jetzt verstand der Chef sämtlicher lokaler Wahlkommissionen sicherlich den Unterschied zwischen einem lebenslänglichen unterwürfigem Kriecher und einem Bruder, dem die höchsten Vorgesetzten die verantwortungsvollen Aufgaben anvertrauen und ihn damit beauftragen.

„Eigentlich haben wir so einen Überfall nicht bestellt!“,  murmelte der ältere Stellvertreter. Und plötzlich rief er, nachdem er einen der „Brüder“ erkannt hatte, die sich im Raum bewegten, (aber vielleicht bluffte er auch nur und entschied sich zu einem Täuschungsmanöver): „Dima! Tarabanov! Bist das du? So wird man dich wieder einbuchten!“

Wenn das ein Bluff war, dann traf er ins Schwarze: einer der Anzüge erstarrte für einige Sekunden.

„Also, und was nun?“, fuhr der Stellvertreter hämisch fort, „Bringt ihr uns alle um?“

Nachdem er das gesagt hatte, verlor die Frau, die neben ihm am Stuhl saß, eine Wahlbeobachterin der Partei „Schutz der Natur des natürlichen Intellekts vor der Natur des künstlichen“, das Bewusstsein und jegliche Körperspannung.

„Ach, wozu denn so“, spottete der erste Anzug, „blutrünstig. Dafür wurden wir nicht bezahlt. Schauen Sie, was Sie dieser Frau angetan haben. Wir sind edelmütige Fälscher und keine Killer. Obwohl man für das Sümmchen, das uns bezahlt wurde, ruhig auch absitzen könnte. Doch das ist sowieso noch ungewiss! Absolut ungewiss…!“

Die fühlten sich ziemlich sicher… Wie war das bei Zheglov? Ich werde gegen euch stets Sieger sein! Die Frage ist immer nur: Wer ist das „ich“ und wer ist das „euch“.

In diesem Moment stellt Ivanov fest, dass „Zoja Kosmodemjanskaja“, die Aktivistin der „Zeit“, im Gegensatz zur Intellektschützerin nicht vorhatte, das Bewusstsein zu verlieren und selbstlos versuchte, mit ihrem Handy irgendjemanden zu erreichen. Braves Mädchen…

„Du bemühst deine Fingerchen umsonst, Kleine!“, sagte der Anführer der edlen Fälscher, „Wir sind vorübergehend alle in einem Funkloch…“

Zornig warf sie ihr Telefon beiseite, es baumelte ihr um den Hals und sie versuchte, zu einem Computertisch hinzugreifen. Aber ihre Hand wurde durch die Kälte sofort weiß und begann von den Fingern ausgehend anzuschwellen. Das Mädchen zog sie mit einem Schluchzen zurück und drückte sie an die Lippen.

„Bleib ruhig!“, zischte sie der Rektor an, „Bist du lebensmüde? Sie bringen uns alle in Gefahr!“

„Ich?“, wunderte sie sich.

„Ach, die Jugend von Heute“, schnalzte ein Anzug, „eindeutige Bildungslücken! Hast du nichts vonden verschieden höhenmäßigen Boltzmann-Verteilungen der Moleküle gehört? Im vorliegendem Fall entfernungsmäßig, von deinem wunderschönem Körper. Weißt du nicht, dass zwanzig Zentimeter von dir schon beinahe ein Vakuum herrscht?“

„Weiß ich“, versicherte „Miss Zeit“ grimmig.

„Ah, verstehe, das bedeutet wir sind heldenhaft. Ich habe, scheint mir, doch schon gesagt: Es zahlt sich für kein Wahlrecht aus, das Leben zu riskieren. Schon gar nicht so ein Händchen.“

„Und ihr Vollidioten zahlt euch aus?“, sie richtete das scheinbar an die Androiden-Reiniger, die bei der Wand rumstanden. Nicht jedoch an die Sicherheitskräfte, sprich Ivanov. „ Hier wird das Gesetz gebrochen! Macht sofort was!“

Jaja, gleich! Die Androiden rührten sich auch nicht. Ihnen war das unantastbare Wahlrecht piepegal, um es milde auszudrücken. Es gab keine direkte Bedrohung für menschliches Leben, weder für jenes der Opfer, noch für jenes der Täter. Und auf Wiedersehen. Alles Übrige waren nebensächliche Spezialkommandos. Verzweigungen von Reinigungsprogrammen.

Selbstverständlich kann man die Wahrscheinlichkeit verschiedener Entstehungspfade persönlicher Gefahr ausrechnen, die sich für eine konkrete Person ergibt, jedoch im Fall, dass die Gesellschaft sich als Ganzes wegen angeblichem Wahlbetrug in einem konkreten Wahllokal verrechnet…

Es wird dann der wahrscheinlichste Weg ausgewählt und auf Grundlage ihrer heuristischen Analysen werden Entscheidungen über ihr weiteres Vorgehen getroffen… Erfahrene Programmierer sagen selbstverständlich, dass ein gescheiter PC all das mit einem Fingerschnipsen innerhalb von Sekunden berechnet.

Aber das hier waren doch keine Robocops oder Analysten eines soziologischen Zentrums. Es waren einfache Reinigungseinheiten. Soweit extrapolierten die nicht.

Und was konnten sie gegen die Armeeanzüge ausrichten? Wer auch immer sich in diesen Raumanzügen befand, würde die Reinigungseinheiten in Stücke zerschlagen. Aber die verfügten über ein Selbsterhaltungsprogramm: denn es waren keine minderwertigen Erzeugnisse.

„Also, für die Damen gibt es nichts mehr zu trinken“, sagte der Anführer der Eindringlinge, „In solchen vergänglichen Angelegenheiten wie einer demokratische Wahl, sind uns Roboter keine Hilfe… Damit ist gemeint Ihnen. Gut, auch uns nicht…. Kurz gesagt, sowohl Ihnen als auch uns. Ich bin überhaupt schon sehr verwirrt, was Sie angeht…

„Und wozu dann überhaupt diese Schwierigkeiten, meine Herren Banditen?“, meldete sich der stellvertretende Kommissionsleiter wieder einmal zu Wort, während er den Austausch der Computerlaufwerke verfolgte, „Wäre es schlussendlich nicht einfacher gewesen, alles Überflüssige von der Hardware zu löschen?“

„Es wäre nicht einfacher gewesen“, erklärte das Mädchen, „Man kann Informationen auf einer Festplatte theoretisch wiederherstellen. Und nur wenn man sie einfach austauscht, kann man unseren Stimmen endgültig `Winke-Winke` sagen. Blöd, aber wahr.“

„Was für eine Freude ist es doch mit intelligenten Menschen zu tun zu haben!“, stellte der Anführer der Herrn Banditen fest, „Mein Fräulein, ich habe schon auf Ihre Bildung hingewiesen. Ich bitte um Entschuldigung. Und du, Väterchen, warst schon zum zweiten Mal grob! Das erste Mal war wegen dem „Überfall“. Wir sind dafür zwar nicht bezahlt worden, aber ich könnte euch jetzt die gesamte Demokratie ausschalten. Die Vakuum-Demokratie. Wir sind alle nervös und im Dienst für die Gesellschaft unterwegs.

„Selbstverständlich“, sagte der Kommissionsleiter, „darf man sie nicht provozieren. Sie haben ihr Leben bereits gelebt, aber hier sind doch noch Kinder…“

Ab natürlich. Kinder! Er wollte sagen, Direktoren.

„Und glauben Sie, Ihnen geht ein Licht auf?“, begann „Zoja Kosmodemjanskaja“ plötzlich. Sie betrachtete den Direktor irgendwie immer noch als Fremden, „Sie fälschen doch in allen Wahllokalen, das alles ändert sowieso nichts! In der Gesellschaft vollziehen sich bereits irreversible Prozesse und sie fordert eine Veränderung! Und noch tragen Sie für alles die Verantwortung!!!“

In Ivanovs Kopf ertönte es: „Ihr könnt nicht alle erhängen! Wir sind Millionen!“

„Weißt du, Schätzchen, du hast mich bereits mit deiner Scheiß-Bildung genervt“, der Anführer ging auf das Mädchen zu und Ivanov stand plötzlich auf, obwohl klar war, dass er ihr nicht helfen konnte. Aber der Anzug nahm ihr nur ihre Headset vom Köpfchen und streichelte sie: „Mach mal Pause. Du störst bei der Arbeit!“

Sie versuchte ihn zu packen und schlug mit den Fäusten gegen den Panzer… Aber er ließ sich durch diesen Widerstand nicht beirren und entfernte sich einfach von ihrem Stuhl und zog das Mädchen hinter sich ins Vakuum nach. Sie ließ seine Hand sofort los und setzte sich wieder ruhig hin. Mit Ausnahme einer ziemlich unhöflichen Geste, die sie ihm nachschickte.

„Also, meine Herren Demokraten“, er fuhr fort, als ob nichts gewesen wäre, „Wo waren wir stehen geblieben? Ach ja, eigentlich sind wir schon fertig. Wir haben es in sechs Minuten geschafft.“

Die Anzüge hatten die Festplatten bereits in ihre Taschen gepackt und gingen durch den Ausgang aus dem Saal hinaus und in den Rundgang hinein. Einige von ihnen trugen auch noch Videokameras oder andere Aufzeichnungsgeräte mit sich, die sie den Beobachtern abgenommen hatten. Und die Computer funktionierten mit den neuen Festplatten einwandfrei.

„Ich habe doch gesagt, dass es funktionieren und unsere kleine Reinigungsaktion in eurer Arbeit nicht bemerkbar sein würde. Die ´Vakuum-Demokratie´ endet sobald wir das Schiff verlassen. Na ja, vielleicht ein wenig später. Das war´s. Ein Dankeschön an alle, das war´s. Feierabend!“

„Nachdem die Fremden verschwunden waren, passierte noch weitere fünf Minuten nichts. Dann meldete sich das Sicherheitssystem des „Balls“ wieder höflich zurück:

 „Eine Durchsage an die Besatzung und die Passagiere! Bitte verlassen Sie Ihre Plätze nicht. Der Austritt aus dem „Vakuum-Demokratie-Modus“ und die Überführung des Bereichs in einen normalen atmosphärischen Modus läuft. Dies kann einige Minuten dauern. Ich wiederhole…“

Nachdem das System das wiederholt hatte, ergänzte es noch:

„Danke, dass Sie sich für ein Sicherheitssystem der Firma „Sturm“ entschieden haben. Die Firma „Sturm“, das bedeutet hunderte Verteidigungsgbetriebe im gesamten Sonnensystem, das bedeutet Millionen von Aufträgen, das bedeutet Qualität, Zuverlässigkeit und absolute territoriale Integrität.“

„Man sollte diese verfluchte Werbung abstellen“, schimpfte der stellvertretende Kommissionsleiter, „Selbst, wenn man dafür bezahlen müsste…“

Die Kompressoren arbeiteten kaum hörbar, während sie Luft in den Saal pumpten. Und wenige Minuten später konnten man sich im Wahllokal wieder an die normale Arbeit machen.

„Sektionsverwaltung?“, der Kommissionsleiter ließ sich via Video mit der Dienststelle verbinden. Mit der Exekutive, „Hier ist die Wahlbehörde 207. Kommissionsleiter, Direktor Schutak am Apparat. Es gab einen schweren Überfall auf das Wahllokal, die Festplatten mit den Wählerstimmen wurden gestohlen…“

Sein Stellvertreter, sowie die Übrigen überprüften, was alles gestohlen wurde. „Kosmodemjanskaja“ rief währenddessen auch irgendjemanden mit ihrem Videotelefon an. Und in Ivanovs Headset erklang die Stimme des Admin. Dieser hatte verständlicherweise schon längst versucht, ihn zu erreichen. Und das Signal an die zuständige Behörde war schon ausgesendet. Ivanov schilderte ihm also kurz, was geschehen war und erklärte zur Überraschung des Admin, dass ihre Hilfe wahrscheinlich nicht nötig sei. Dafür war es allerdings schon zu spät, denn diese war bereits auf dem Anflug.

Und im Fernsehen zeigte man alle Nachrichten dieses Wahltages.

Scheinbar ließen sich nirgends ernsthafte Störungen feststellen: nun, in einigen Wahllokalen kam es vereinzelt zur Propagierung von Einzelpersonen, selbstverständlich Oppositionskanditaten, gelb-lila Bänder, es gab dort Logos auf den Overalls Fähnchen…. Am Wahltag! Natürlich ist das alles eine Störung!

Aber nur der Wahlbeobachter vom „Demokratischen Gürtel“ war nicht mehr auffindbar. Wahrscheinlich ist er zusammen mit seinen Kollegen weggeflogen.

„Also, äh…“, sagte der Stellvertreter erstaunt, „Was war das denn eigentlich?“

„Hmm, verdammt noch mal“, brachte „Zoja“ nur hervor, „Was für Idioten…“

Es stellte sich heraus, dass den Computern nichts fehlte. Das heißt, ÜBERHAUPT NICHTS. Alle Stimmen für den einen oder den anderen Kandidaten, Verzeichnisse, Protokolle, Sicherungskopien… Alles war an seinem Platz. Die Festplatten waren dieselben, wie vor dem „Mückenangriff».

Niemand verstand das.

Außer Ivanov…

*   *   *

„…Hilfst du mir nicht?“, fragte Ivanov, „Es würde dann schneller gehen.“

„Reichen die fünf oder zehn Stunden nicht?“, antwortete eine unansehnliche Spinne an der Decke… Eine Beobachterin des Wächterrates, „Eurer Stunden. Ich kann noch ein paar drauflegen. Nur weil du mich hier als Erster bemerkt hast, heißt das noch lange nicht, dass du frech werden darfst. Ich mache etwas, das milde ausgedrückt, vom Rat nicht gern gesehen wird. Ich archiviere für euch die Zeit. Meine Aufgabe ist eigentlich nur das Beobachten. Und das Schlussfolgerungen-Ziehen.“

Ivanov seufzte und begann seinen leichten Raumanzug unter dem Stuhl hervorzuholen. Um aus der Luftzone, die um seinen Platz herrschte, heraus treten zu können.

„Ich werde schon in einer halben Stunde alles erledigt haben“, erklärte er, „Ich bin heute einfach fertig. Vom Regen in die Traufe… Ich würde gerne sehen, wozu ihr noch in der Lage seid.“

„Ihr werdet noch viel zu sehen bekommen. Sobald man euch in der Metagalaktische Vernunftsgesellschaft aufnimmt. Ihr werdet euch sattsehen.“

Beim Zeitarchivieren, bei dem achtzehntausend Sekunden wie eine einzige vergehen, verwandeln sich auch lebendige ausdrucksstarke Objekte zu erstarrten Skulpturen. Zum Beispiel erstarrte „Zoja Kosmodemjanskaja“, während sie dem Rücken des Anführers eine obszöne Geste zeigte – genau in dieser Position wurde sie von der „Archivierung“ erwischt. Eigentlich hieß das Mädchen Partizia. Genau so: nicht Patrizia, sondern Partizia.

„Ich kann mir vorstellen, wie sie in der Schule genannt worden ist“, sagte Ivanov, „Party, Party! Vielleicht wurde Partizia deswegen Parteiaktivistin…“

Er nahm sein Headset ab, denn ohnehin verwandelten sich alle Gespräche in ein homogenes, monotones Getöse. Er zog den Anzug an. Verständlicherweise hatte er nicht vor, die „Vakuum-Demokratie“ abzuschalten. Viele Scherereien. Ja und wozu auch? Schaltet man sie dann wieder ein? Er kommunizierte mit der Beobachterin des Rates über die Funkverbindung seines Anzuges.

Gemächlich ging Ivanov die erstarrten Verbrecher ab, nahm die gestohlenen Festplatten aus deren Taschen, tauschte sie in den Computer gegen jene aus, die die „edelmütigen Fälscher“ eingebaut hatten. Und die gefälschten Festplatten, auf denen sich zehn mal weniger Stimmen für die Opposition befanden, legte er ihnen genauso in die Taschen zurück, wie zuvor die gestohlen darin gelegen hatten.

Die sitzen natürlich am längeren Hebel… Aber dafür kann man Feuer mit Feuer bekämpfen.

„So ist das Leben“, murrte Ivanov und leuchtete sich dabei mit einer Stirnlampe den Weg. Er leuchtete sich, weil das Licht im Saal im Laufe der Zeit blutrot und absolut fahl geworden war: das sichtbare Licht verschwand in weit entfernte, infrarote Bereiche des Lichtspektrums, doch es gab nur wenige UV- und Röntgenstrahlen, die sichtbar waren. „Sie betrügen uns und wir betrügen wieder zurück… Wir werden´s dort schon reinschaffen– in die MVG… AberSchwesterderVernunft… Woherkommstdueigentlich?“

„Von hieraus ist das nicht zu sehen“, antwortete die Spinne, „Hier ist seit Bestehen dieses Universums nicht einmal Licht aus meiner Galaxie eingetroffen. Es befindet sich hinter dem Ereignishorizont, so heißt das.“

„Ich weiß, dass das so heißt! Wow! Die Gesellschaft ist so groß?“

„Ja, sogar noch größer.“

„Nur eines ist mir nicht begreiflich: warum hilfst du uns dabei, die Gerechtigkeit zu bewahren? Was kümmert dich das? Das wird noch einen Verweis von den Vorgesetzten geben.“

„Es wird keinen Verweis geben. Wenn du es nicht irgendwo betrunken ausplauderst.“

„Ich schweige wie ein Grab. Aber warum das Ganze?“

„Aus Langeweile. Ihr Homoniden versteht das nicht. Das ist euer Problem. Ihr macht jemanden zum „Hirten“, der euch zwar alle, aber zumindest nicht sofort, umnietet. Und daher ist es empfehlenswert, das Ergebnis nicht allzu sehr zu fälschen. Jeder versucht ständig den anderen zu ertränken. Aber dabei könnt ihr ohne Gesellschaft nicht leben. Das ist der Herdentrieb. Aber wir… Wir haben uns selber in der unbewohnten Galaxis sowohl ein Sönnchen mit genau festgelegter spektraler Zusammensetzung als auch einen malerischen Planeten geschaffen, um unsere wandelbaren Körper dort zu sonnen… die reinste Erholung. Mittlerweile… mittlerweile starren wir vor Langeweile in die Luft, wie man bei euch sagt. Oder in den Raum, wie wir sagen.“

Ivanov nickte.

„Aber warum soll das nicht `verständlich` sein? In etwa so habe ich mir eure intergalaktische Vereinigung vorgestellt. Aber könntet ihr kein „Universales Stillschweigen“ für uns veranstalten. Und dann räumt der Rat mit diesen Raumstarrern auf?

„Sei nicht so spöttisch, Homonoid, bloß nicht so spöttisch! Wenn ihr einmal in unserem Alter seid, werdet ihr es verstehen, aber, wenn ich bedenke, was ich hier gesehen habe, ist das ohnehin sehr fraglich, ob ihr das soweit schafft. Und wenn du schon eine Frage stellst, bitte ich dich, nicht zu unterbrechen. Die Vereinigung nimmt nicht oft Neulinge auf. Das bringt immer einen frischen Wind und eine Erschütterung der Grundsätze. Es ist unterhaltsam. Was euch betrifft, Erdling, entscheidet der Rat gerade.

Wenn ihr unsere Neulinge werden würdet, würdet ihr immer betrügen, in allen Bereichen eures Lebens, jedoch nicht über eine bestimmte Grenze hinaus. Ansonsten, nein Danke! Bleibt noch ein paar hundert Jahre unter euch. Wir werden bloß schauen, dass ihr nicht aus eurem Zoo ausbrecht. Aber ich tue, was ich kann.“

„Das heißt, du fälscht?“, plötzlich dämmerte es Ivanov und er begann zu lachen.

„Ach, komm schon.“

„Damit es nicht langweilig wird!“

„Und ist das dein ganzes Dankeschön?“, fragte die Beobachterin vorwurfsvoll, „Ei, ei, ei… Für wen strengen wir uns an? Na gut, bist du fertig mit den Festplatten? Ich sehe, du bist fertig. Funktioniert alles? Dann geh´ auf deinen Platz und mach´ dich bereit: Ich stelle die Zeit wieder auf den Normalmodus um.“

Ivanov hörte zu lachen auf:

„Moment! Ich geh´ noch schnell aufs Klo.“

„Na gut“, stimmte die Spinne nach kurzem Bedenken zu und fügte noch, als Ivanov schon beim Verlassen des Saales war, hinzu: „Aber die Spülung geht nicht. Es fließt kein Wasser! Das heißt, sie fließt, aber erst wenn du schon lange wieder hier bist. In der unkomprimierten Zeit.“

Über all diese Probleme war sich Ivanov klar. Darüber war er sich klar.

In der Rundhalle stieß er noch auf eine Gruppe eingefrorener Anzüge, die offensichtlich auf die Kollegen im Saal wartete. Statuten von der Osterinsel auf der Hut…

Nach der Toilette konnte Ivanov der Versuchung nicht widerstehen und schaute sich im Kommandoturm des Balls um. Und dort erblickte er ein hübsches Bild: Der Vertreter vom Demokratiegürtel bezahlte die Crew. Die Besatzung bestand aber ohnehin nur aus zwei Menschen, dem Kapitän und einem Schiffsjungen. Nun war alles klar. Selbstverständlich war alles in einem eingefrorenen Zustand. Sogar das Geld, das Ivanov besonders verführte. Selbstreden berührte er es nicht und beschloss stattdessen Rache an diesen Gaunern, korrupten Beamten und Feinden der Demokratie zu nehmen.

Also, wo in dieser Nussschale bewahren die das Geld auf? Genau: in der Kapitänskajüte im Wandsafe…

„Ivanov!“, hörte er es im Headset, „Vergiss nicht, unsere Aufgabe ist das Zurückbetrügen und nicht das Weiterbetrügen. Das war einmal.“

„Komm schon. Dieses Geld ist ohnehin gefälscht. Wie gewonnen, so zerronnen. Die ergaunern sich doch noch selber zehn Mal mehr. Und Ivanschenko und ich müssen noch einen Kredit  an die Werft zahlen. Für das neue Schiff. Na los, sag mir die Kombination. Ich bin doch kein Panzerknacker, der Safes aufbricht.“

„Was für eine Kombination?“, wunderte sich die Beobachterin, „Woher soll ich die kennen?“

„Hör mal! Warum lügst du mich an? Spuck´ s aus. Na los! So geht´s schneller. Ich öffne das ohnehin!“

„Ach, Erdlinge“, seufzte die Spinne und telepathierte Ivanov die Kombination, „Wir sind gerade erst mit euch in Kontakt getreten und schon macht ihr uns zu Verbrechern…“

*   *   *

…daher verstand im Wahllokal außer Ivanov niemand, was diese Willkür zu bedeuten hatte. Die Zeit der Wähler in Aspruch nehmen? Sechs Minuten? Und dafür all diese Schwierigkeiten?!

Nun, vielleicht hatte noch die Roboter-Reinigungseinheiten mit ihrer Computerwahrnehmung registriert, was vor sich ging. Aber ihnen war dieser menschlicher Betrug völlig egal. Ihnen war nur wichtig, dass die Raumluft gut und die Temperatur angenehm war. Und das es sauber war!

Aber auf den Kapitän und den Schiffsjungen wartete auch noch eine überaus unangenehme Überraschung…

„Also“, sagte der Kommissionsvorsitzende nicht besonders überzeugt, „Dann zurück an die Arbeit.“

Und nach wenigen Minuten der Demokratiearbeit war wieder alles in seiner gewohnten Bahn: In einer gespenstischen Stille klapperten die Tastaturen, die virtuelle Kopie des Wahllokals fühlte sich erneut mit verwunderten Wählern, bei denen man sich für die vorübergehenden technischen Problem entschuldigte, und Ivanov erschlug mit seinem „Deleter“ gelegentlich noch „Computermücken“.

Und nach einer weiteren halben Stunde… erinnerte er sich wehmütig an seinen Geschäftspartner Ivanschenko.

„Eine Duschsage an die Besatzung und die Passagiere!“, meldete das Sicherheitssystem, „Bitte verlassen Sie Ihre Plätze nicht, machen Sie es sich bequem und entfernen Sie alle spitzen und scharfen Gegenstände. Die Schwerkraft des Schiffes wechselt in die „Schwerkraftdiktatur–Modus“. Der Koeffizient bei „g“ lautet persönliche maximale Sicherheit. Danke, dass Sie sich für das Sicherheitssystem der Firma „Sturm“ entschieden haben. Die Firma „Sturm“, dass bedeutet…“

Schwerkraftdiktatur. Das ist schon näher am Thema dran.  Obwohl es noch korrekter wäre, den Modus „Genozid und Diskriminierung“ zu nennen. Denn die künstliche Schwerkraft stieg nicht am ganzen Schiff an, sondern nur an einzelnen Punkten, an denen sich bestimmte definierte Objekte und Subjekte befanden. Nämlich jene, die vor dem Start des Modus definiert wurden. Mit der modernen Feldtheorie macht man nicht nur so etwas schon lange… Und diese PMS – persönliche maximale Sicherheit bedeutet, dass man dem Körper die maximal zulässige Last zumutet, die er seinem körperlichen Zustand und seinen biomedizinischen Indikatoren nach erträgt. Und wenn sie aktiviert wird, ist das sehr schlecht. Und die PMS wird nur in Sondermission zur Ergreifung von Verbrechern angewandt, die man unschädlich machen muss.

Und Ivanov mit seinem athletischen Körperbau hatte einen PMS von vier oder fünf „g“… Und was war mit dieser Beobachterin vom Wächterrat? Auf sie selbst wirkten sowohl die Vakuum-Demokratie als auch die Gravitations-Diktatur wie Spucke auf einem Stern.

„Hier spricht Major Gloss, sektorale Polizeileitung!“, schrie ein Wandlautsprecher nahe der Decke, „Wir bitten das Personal des Wahllokals um Entschuldigung für die Unannehmlichkeiten, aber wir haben ein Signal über einen Überfall empfangen. Alle sind verdächtig, alle werden fixiert, alles wird überprüft.“

„Konnten diese Idioten nicht Escape drücken?“, ächzte Partizia in den Sitz gedrückt, als eine Spezialeinheit in voller Montur in den Saal hineinstürzte.

Der ältere stellvertretende Kommissionsleiter brach in ein grunzendes Lachen aus und der Wachmann Ivanov dachte wehleidig, während er die Überlastung eines Testpiloten überprüfte:

„Ich hätte besser Urnen um die Häuser schleppen sollen! So wie Ivanchenko.“

——

4. November 2004 – 6. April 2005, Mykolajiw (Ukraine)

 Übersetzung von Johannes Haselsteiner am 19. Dezember 2013, Wien (Österrerich)

 


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