Kein-Zurück-Syndrom

Eine Kur-Erzählung

 

 

                 Prolog

 

…Sie. Ihre Stimme, ihre Gestalt, ihr Gang. Die Augen…

Ich werde niemals mit ihr zusammen sein.

Weder mit ihr, noch mit irgendeiner anderen…

Nicht einmal mit einem Mädchen von nebenan…

Alles bewegt sich, alles verändert sich. Aber irgendwie an mir vorbei, wie in einem Paralleluniversum. Ich bin zur Einsamkeit verdammt. Zu einer Einsamkeit im Gewimmel. Ich kann mich nicht einmal verlieben. Das ist mir untersagt. Aber ohne dem ist alles (wirklich alles!), was ich mache und versuche zu machen, keinen Pfifferling wert…

Wenn der Prophet nicht zum Berg kommt, dann muss bekanntermaßen irgendetwas mit dem Berg passieren, und so muss sich dieser von seinem Millionen Jahre lang anvertrauten Platz aufmachen.

Wenn du selber unbeweglich bist, dann beginnt sich alles um dich herum zu bewegen. Von den Möbeln bis hin zum Nachttopf. Ein modernes zivilisatorisches Niveau ermöglicht das. So als Art Substitution. Wie als ob man jemandem die Beine nach einer Amputation durch hypermoderne äußerst widerstandsfähige Prothesen ersetzt. Durch schnelle, die 100 Mal besser sind als jedes beliebige Paar Beine, weil sie nicht einmal erschöpfen. Aber irgendwie fühlt man sich auf ihnen dennoch wie auf einem Karren.

Na Dankeschön.

Besonders dir! Hörst du? Wie auch immer du heißt. Jesus? Mohamed? Allah? Buddha? Eine höhere Intelligenz?… Wie der Bastard heißt, ist egal… Übrigens…

Aber es wäre dumm, sich über diese Frucht menschlicher (und sogar vorgeschichtlicher) Einbildungskraft zu ärgern, auch wenn das eine üble Frucht ist. Schlussendlich fällt die Frucht nicht weit vom Schöpfer.

Einige sagen zu mir: Zeige Demut, befreie dein Herz von Härte und Stolz, bete und öffne dich Gott!

Dadurch wird es leichter werden…

Ok. Sofort!

Diese Prediger… Diese durchgeistigten Frauen und Männern, denen die „Augen geöffnet wurden“, kennen das Allheilmittel und wollen dir wirklich helfen. Sie kennen die Antworten auf sämtliche Fragen…

Dabei habt ihr in all euren Leben zusammen nicht einmal das erlebt, nicht einmal das Hundertstel von dem gespürt, was ich jeden Tag durchlebe. Ihr kennt nicht einmal die Wörter, die die Grundlage meiner täglichen, meiner stündlichen Denkarbeit bilden!

Na ja, vielleicht wird es mir leichter werden… wie durch eine kunstvolle Hypnose. Oder durch Wodka und Drogen. Aber morgens folgt immer der Kater. Wenn du begreifst, dass diese ganze Liebe und dieser berüchtigte göttliche Segen nichts als eine Illusion sind. Ein globaler Selbstbetrug. Nur deine Krankheit ist real, und diese ist, wie alles, was mit uns passiert, Teil vom Plan des „Lieben Gottes“. Es ist nicht wichtig, wozu auch. Es ist Teil des Plans! Genauso wie deine untersagte Liebe.

Weil alles, was läuft, läuft nach seinem Willen. Und nach nichts sonst! Das ist der Kern jeder Religion, jedes Glaubens, jeder theologischen Konzeption. Ihre grundsätzliche These.

Ansonsten braucht man mir nichts mehr erzählen. Die übrigen Gespräche über die göttliche Weisheit, Liebe, Gerechtigkeit, darüber, dass er jedem die Wahl gibt… all das ist nur eine Hülle, um den Blick auf die Kernthese zu verschleiern. Heuchlerische Worthülsen, die mich schon längst nicht mehr interessieren.

Wollen Sie übrigens ein Geheimnis erfahren, wenn das überhaupt noch für irgendjemand ein Geheimnis ist? Warum gibt es in der Mehrheit der Theologien diese „Wahl“ für unnütze Protein-basierte Organismen, also für uns? Denn trotz des natürlichen Drangs, unter die Flügel von jemandem zu kriechen und sich auf eine „höhere Macht“ zu verlassen, wollen sich die Wenigsten als Marionette fühlen. Aber gemäß dieser Quatschologie sind sie doch alle Marionetten.

Ok, genug darüber. Es zahlt sich nicht aus, mehr darüber zu reden.

…Ich schaue fast nie fern, obwohl es dort 1001 Kanäle gibt.

Langweilig.

Werbung… ununterbrochene, elendige Werbung, durch welche das Anschauen von allem Anderem unsinnig wird: alles verliert sich einfach und löst sich in ihr auf. Aber es hätte, ehrlich gesagt, zumindest irgendeinen Sinn, sich das Andere anzuschauen!

Wenn es etwas Anderes gäbe. Verlogene Fernsehnachrichten über kriminelle Politiker? Zahllose primitive Kassenschlager für Teenager und unendliche Hausfrauen-Serien, deren Drehbuchautoren wie Patienten einer Irrenanstalt anmuten? Was noch? Nun, in den Pausen zwischen der Werbung trifft man oft auf unsinnige Talkshows mit minder intelligenten Menschen, auf Abenteuerformate mit braungebrannten und hochtrainierten Kerlen, die vermutlich noch nie ein richtiges Abenteuer erlebt haben oder zumindest an einer Schlägerei teilgenommen haben, dazu wirken sie zu ausgefressen und ihre Nägel und Zähne zu gepflegt… Ach, Leute! In meiner Haut zu stecken – wenn man die elementarsten Sachen nicht machen kann, aber dennoch ein vollwertiges Leben lebt. Nicht nur einen Tag, eine Woche, einen Monat. Sondern das ganze Leben! Das ist das eigentliche Extrem.

Und natürlich trifft man auch auf die obligatorischen Fernsehpredigten, morgens und abends! In denen Schwachsinnsprediger offensichtlich darauf hoffen, dass den Zuschauern Verstand und Wissen völlig fehlen. Deshalb spielen sie mit den niedrigsten menschlichen Instinkten, nur der Keller wäre noch niedriger…Und dann gibt es noch den Wetterbericht…

Im Allgemeinen macht uns dieses „Fenster zur Welt“ zu einer hirnlosen Herde von Wiederkäuern und zeigt uns selten etwas Wichtiges. Wer kann sich dann noch darüber wundern, dass uns die regieren, die uns regieren. Es wäre wohl viel sinnvoller, einfach durch ein normales Fenster zu schauen.

Der Gesundheit zuträglicher.

Wenn ich aber im Fernsehen nach etwas suchen würde, das es lohnt, sich tatsächlich anzuschauen, dann würde ich selbstverständlich nach ihr Ausschau halten…

Nach ihren Lippen, ihren Haaren, ihren Augen… Mein Herz steht still, wenn sie am Bildschirm erscheint. Ein unerreichbarer, unerfüllbarer Traum, für den ich schon lange zu allem bereit bin.

Zu allem!

Es gibt keine Kraft im Universum, die mich von dieser Bereitschaft abhalten könnte. Aber genauso wenig gibt es eine Kraft, die mir geben könnte, was ich will.

Alles für den Hugo!

Es gibt keine Wunder. Das weiß ich. Aber trotzdem hoffe ich auf ein Wunder. Ich warte jeden Tag auf eines. Daran kann man nichts ändern. So sind wir gestrickt.

Man soll mich aber nicht bemitleiden!

Ich hasse diese Gefühlsduseligen mit ihren Gefühlsduseleien. Mitleid ist schlimmer als Leid, sagte schon Nitzsche.

Daher, ihr mitleidsvollen Gutmenschen, wenn ihr vor die Tür geht, seid nicht beleidigt und wundert euch nicht über meine „unnatürliche“ Reaktion. Immer wenn ich diesen verschreckten Gutmenschen oder Predigern auf der Straße begegne, beruhigen sie nicht mich, sondern sich selber. Sie reden sich dann etwas von der Existenz einer „höheren Gerechtigkeit“ ein. Einer göttlichen Gerechtigkeit. Ein Gott, der „heilt“, der „behütet“ und so etwas „nicht zulässt“.

Ich brauche eigentlich keinen, nur sie selber…

 

… Im Nebenzimmer läutete das Telefon. Mein Vater nahm den Hörer ab. Der Anruf kam aus Kiew.

Das fühlte ich…

 

 

*     *     *

  Der Junge befand sich vor dem siebzigmeterlangen lilafarbenen Tunnel, dem Eingang in die „Zone“.

Physische Bewegungen waren ihm unmöglich, aus diesem Grund saß er in seinem gedankengesteuerten Antigravitationssessel. Der Professor klopfte ihm auf die Schulter:

„Also, mein Junge, wir sehen uns in drei Monaten. Hab keine Angst, das ist die Hauptsache, alles wird gut. Ab jetzt wird für dich alles anders sein“, und lächelnd fügte er noch hinzu, „Aber die erste Paintballrunde gehört mir.“

Der Professor blickte seinem Patienten nach, wie dieser alleine und lautlos durch den Tunnel schwebte.

Die Maserstrahlung im Tunnel wirkte direkt auf den Subcortex des Jungen, und mit jedem Meter drang die wohltuende Strahlung tiefer ein. Sie wirkte wie eine Narkose.

 

*     *     *

…Eigentlich wollte er den Sturm parabelförmig überfliegen…

Dabei ist „Sturm“ ein zu starkes Wort. Was soll das für ein Sturm sein! Eher ein lokales Unwetter, hervorgerufen durch das Präventionsprogramm der Station „Klima-10“, das durchschnittlich alle fünf Erdenjahre durchgeführt wird. Kein Vergleich zu den furchtbaren Stürmen, die noch ein halbes Jahrhundert zuvor das Erdreich von der Oberfläche wehten und damit den ganzen Planeten umhüllten. Und nun fliegen dort weder Erde noch Sandkörnchen selten umher… Allerdings wirkte die Wolkendecke, die dort unten herumsauste, von hier, vom Subkosmos der Stratosphäre, wirklich beeindruckend. Und ins Epizentrum dieses „lokalen Unwetters“ zu geraten, schien auch nicht sehr angenehm.

Jedoch empfing er genau aus der Region um das Epizentrum auf dem allgemeinen Kanal ein Notsignal. Er hatte schon eine ordentliche Geschwindigkeit bekommen und befand sich auf dem Anflug seiner Parabelflugbahn. Sofort war klar, dass er dem Unglücksort am nächsten war. Es blieb ihm nichts Anderes übrig als zu bremsen und hinunterzufliegen.

Bei 0,38 Ge Schwerkraft war der Regenschauer ein, so kann man sagen, exotisches Schauspiel (natürlich nur für einen Nicht-Marsianer): riesige runde Tropfen fielen gemächlich aus den dunkelvioletten Wolken und bildeten dabei eine Art Runddusche. Diese Regentropfen zerfielen jedoch unter den herrschenden Bedingungen in einen feinen Schleier und schossen mit Staub vermischt aufgrund des Sturmwinds parallel zur Marsoberfläche dahin; dies erinnerte stark an eine ungeheuerliche Strahldusche. Man hätte Eintritt dafür verlangen können. Besonders wenn man sich währenddessen in einer kleinen Flugkapsel mit Antigravitationsmotor befunden hätte und unter einem noch ein Waldfluss mit Zwei-Meter-Wellen verlaufen wäre, aus denen sich der fliegende Wasserstrahl ebenso gespeist hätte. Dafür hätte man viel Eintritt verlangen können. Nichts für schwache Nerven.

Es war beinahe so, als ob seine Kapsel in einen Windkanal fiel.

„Hier ist RM-1015“, schrie er in die Sprechanlage, „Lebt noch jemand? Antworten Sie!“

Wasser und alles andere, was der Wind verblasen konnte, und hier konnte er wirklich viel verblasen, schmetterten fürchterlich gegen die Kapselhülle und die Fenster. Die gigantischen Kiefern, die an die dortigen Bedingungen gut angepasst waren, krümmten sich bis zum Boden und klammerten sich mit letzter Kraft am kargen Stein fest. Die Sichtbarkeit war durch die Wassermauer beinahe völlig dahin und niedrigfliegende Gewitterwolken tauchten die morgendliche Welt in eine Halbdunkelheit, die von Zeit zu Zeit durch gleißend helle Blitze erleuchtet wurde.

Er musste den Scheinwerfer einschalten.

„Wir sind hier!“, kam schlussendlich ein Funkspruch, „Bei einem Baum!“

Doch da sah er bereits ein überdachtes Schlauchboot, die man normalerweise für Ausflüge am Fluss verwendet. Es war mit einem Tau an eine recht große Kiefer gebunden, die am Ufer gewachsen war, bevor der Sturm das Hochwasser verursacht hatte. Das Boot wurde abwechselnd zu einem Luftschiff und einem Unterseeboot – derart setzte ihm die Elementarkraft zu. Diejenigen, die sich darin aufhielten, verbrachten wohl keine angenehme Zeit. Obwohl ihre Kajüte hermetisch abgeschlossen war.

„Ich sehe euch“, sagte er, „Haltet euch fest, ich hole euch da gleich raus.“

Er hatte keinen Rettungs-Gravimar. Nur einen gewöhnlichen „Ellada“. Aber in allen modernen Kapseln gab es irgendwelche „Extras“ für Extremsituationen. Außerdem geht man ja in der Fahrschule einige Rettungssituationen durch.

Die Kapsel hing über dem Boot und zerbrach dabei Äste, die stürmisch auf die Außenhülle einschlugen, langsam sank sie zu Boden und leuchtete dabei mit dem Scheinwerfer stets auf das Boot. Ein Teleskop-Greifarm wurde aus dem flachen Bauch des „Elladas“ ausgefahren und dieser packte vorsichtig, aber fest, einen Balken des Boots.

„Leinen los!“, gab er ein Funkkommando an das Boot, „Schaffst du das?“

Es war wesentlich einfacher, das Tau abzuschneiden, als es aus dem fürchterlichen Astgewirr zu befreien. Glücklicherweise konnte man das Seil auch von der Kajüte aus kappen, ohne hinausgehen zu müssen. Danach zog der Gravimar das Boot, um es nicht weiter zu beschädigen, sehr vorsichtig aus der Botanik zu sich hinauf und stieg dann wieder höher.

Jetzt konnte man diese Gefahrenzone verlassen, durch die Wolkendecke fliegen und ein ruhigeres Plätzchen suchen.

Er landete die Kapsel neben einer umgestürzten Pappel auf einer recht breiten Lichtung, die sich auf einer Anhöhe befand.

Über ihren Köpfen rasten zwar noch die Wolken, aber der Regen erreichte sie hier nicht mehr, denn er wurde durch den Wind weit nach Westen verweht, wo die Unwetterfront noch stand und von wo aus ab und zu ein Donnergrollen herüberkam. Nach und nach kam immer mehr die Sonne durch. Die Natur machte einen verwüsteten Eindruck: Laubbäume waren zur Hälfte entlaubt, zahlreiche Äste waren gebrochen, von allen Pflanzen tropfte das Wasser langsam hinunter und floss in kleinen Bächlein entlang von Rissen und Gräben… Die Natur normalisierte sich jedoch schnell, denn alles, was sich hier anpassen konnte, verfügte über einen wirklich ausgeprägten Überlebensinstinkt. Sowohl die Pflanzen als auch die Tiere.

Die Luft roch nach Ozon und Baumnadeln.

„Sind Sie noch ganz?“

„Mehr oder weniger“, sagte ein Mann und schaute dabei auf sein Boot, das an der umgestürzten Pappel lehnte. Es schaute zwar schlimm aus, aber nicht hoffnungslos.

„Ich habe eine Rettungsmannschaft verständigt. In etwa vierzig Minuten holt man Sie ab.“

„Aber was hätten wir ohne Sie gemacht…? Vierzig Minuten später wäre von uns dort wahrscheinlich nicht mehr viel übrig geblieben.“

„Eigentlich hätte man schon innerhalb von 5 Minuten bei Ihnen sein können, aber ich habe die benachrichtigt, dass Sie schon in Sicherheit sind, die haben dort ohnehin einen kleinen Großalarm.“

„Ja, das kann ich mir denken! Wie auch immer, darf ich mich vorstellen: Ich heiße Stas Somov. Das ist meine Frau Aljona.“

„Sind Sie Russen?“, freute er sich und wechselte dabei von Inter-Englisch auf seine zweite Muttersprache.

„Sagen wir so: ein Slawenmix“, antwortete der Mann lächelnd auf Russisch.

„Sehr angenehm. Und ich heiße Maxim. Maxim Strogiy.“

„Das heißt, Sie sind auch einer von uns? Wir haben wirklich Glück mit unserem Retter.“

Als Maxim ihnen die Hand schüttelte, wurde er das Gefühl nicht los, diesen Somov schon irgendwo einmal gesehen zu haben. Diese starken Hände, diese selbstsicheren Bewegungen, diese dunklen durchbohrenden Augen, die dennoch nichts Böses an sich hatten… Auch das willensstarke, hübsche Gesicht der Frau schien vertraut.

„Und sind Sie schon lange am Mars?“, fragte Maxim, „Ich habe irgendwie das Gefühl, dass…“

„Dass Sie uns schon irgendwo gesehen haben?“, ergänzte Aljona, „Das hören wir oft. Vermutlich haben wir markante Gesichter…“

„Also, das würde ich nicht sagen…“

„Außerdem ist alles möglich, immerhin sind wir schon einen Marsmonat hier…“, erklärte Stas, „Wollen wir nicht übrigens „Du“ sagen, so unter Landmännern, wenn Sie nichts dagegen haben?“

„Natürlich habe ich nichts dagegen. Dann können sie mich einfach Max nennen.“

„Wunderbar! Darauf trinken wir.“

„Jetzt?“

„Auf was sollen wir warten? Bis die Rettungsmannschaft hier ist? Also, stoßen wir an. Auf die Rettung und unsere Bekanntschaft… Außerdem müssen wir uns aufwärmen und beruhigen…“

„Aber ich sitze doch hinterm Steuer“, meinte Maxim verunsichert.

„Macht doch nichts! Stell auf Autopilot! Und außerdem, soweit ich eure Gesetze kenne, sind 50 Gramm von einem kleinem-feinem Wodka hier auch hinter dem Steuer erlaubt.“

„Na komm schon, Max“, lächelte Aljona, „Wir müssen doch unserem Retter einen ausgeben.“

Zunächst ging das Ehepaar zurück zum Boot und wechselten ihre Overalls, die vom Unwetter in Mitleidenschaft gezogen worden waren. Danach holte Stas aus dem Boot einen Campingkocher in Form eines stilisierten Lagerfeuers, der als „Ewiges Feuer“ bekannt war: Das Knistern war recht überzeugend und wie bei einem echten Lagerfeuer stieg auch Rauch auf, der nach trockenen Blättern und Zweigen roch. Aljona kümmerte sich währenddessen um die Verpflegung.

„Eigenartig“, lachte Maxim, „Eigentlich solltet nicht ihr mich, sondern ich euch verpflegen. Denn ich habe keine Katastrophe durchgemacht“

„Mag schon sein, aber du hast auch keinen Proviant für zwei Wochen Reise an Bord, damit die Reise am vierten Tag endet“, meinte Aljona recht einleuchtend.

Sie ließen sich auf dem Boden um das „Ewige Feuer“ nieder, wo sie zuvor eine Plane auf das niedrige feste Gras hingelegt hatten. Die Sonne hatte die Wolken schon beinahe völlig vertrieben und überflutete alles mit dem spätmorgendlichen Licht. Die Vogelwelt erwachte zu neuem Leben. Vor allem Spatzen.

Wobei es eigentlich so ist: nur die „schweren Brummer“ – Schwäne, Gänse, Reiher, Enten, Pelikane, Albatrosse – konnten sich hier niederlassen… Auch Pinguine fühlten sich auf dem Mars wohl, sie konnten hier sogar über kurze Distanzen fliegen. Leichte Vögel konnten hier nicht leben… Außer Spatzen, natürlich! Offenbar kann sich ihre Bruderschaft überall und an alles anpassen. Wie die Menschen.

„Jaja“, sagte Maxim, während er dem Sturm nachblickte, der schon weit entfernt war, „Auf der Erde gäbe es bei so einer Windstärke ein durchschnittliches Gewitter. Aber hier entspricht das Stärke zwanzig nach Richter.“ Stärke zwanzig nach Richter war natürlich ein berühmter Mars-Witz. „Aber wie konntet ihr dort hinein geraten? Hört ihr etwa den Wetterbericht nicht? Gestern haben sie doch klar gesagt: Wie bereits berichtet, kommt es aufgrund der geplanten „Klima“-Prävention zu einem starken Temperatursturz, insbesondere die Temperaturunterschiede zwischen Tag und Nacht werden deutlich sein, daher können vereinzelt lokale Stürme auftreten…“

„Weißt du“, sagte Aljona, „Wir haben das nicht gehört. Wir haben den verdammten Empfänger ausgeschaltet – die völlige Abkehr von der Zivilisation, die Wildnis, auch wenn sie nicht ganz unberührt ist. Nur zu zweit. Romantik pur. Das ist doch ein Traum des modernen Menschen…?“

„Eigentlich sind wir Wissenschaftler“, sagte Stas, „das Rafting war Teil unserer Arbeit zur Analyse des Ökosystems, eine kleine Expedition sozusagen. Und dann haben wir beschlossen, für ein paar Tage Pause zu machen: nur sie und ich, ohne irgendwelchen Radiowellen…“

„Wissenschaftler?“, horchte Maxim erfreut auf.

„Ich bin Mikrobiologe, Aljona ist Quantensystemtechnologin.“

„Oho… Quantensystemtechnologin…“

„Wieso“, spielte sie eine Empörung vor, „Ist das etwa nichts für Frauen? Kinder, Küche, Kirche? Ihr seid alle gleich!“

„Moment, Moment“, protestierte Maxim lächelnd, „Du solltest mich nicht mit fremden Federn schmücken! Das habe ich nicht gesagt. Und noch dazu vereinfachen Sie die Sache etwas, junge Dame. Sie vergessen die Schönheitswettbewerbe und Modelagenturen…“

„Was soll das sein, einfach ein originelles Kompliment oder ein Belästigungsversuch?“, Aljonas Augen blitzten auf.

„Pass auf, ich bin eifersüchtig!“, Somov drohte ihm mit dem Finger während er sich ein Schinkenblatt in den Mund steckte.

„Kein Grund zur Aufregung, Stas“, versicherte ihm Maxim, „Niemand wird dein Herzblatt anrühren, ich habe zuhause doch auch eines. Also, wo waren wir stehen geblieben? Hättet ihr nicht einen Androiden mitnehmen können? Dann wäre euch das nicht passiert.“

„Klar“, nickte Somov, „Und auch den Bordcomputer, der mit dem globalen Sonnensystem-Infonet verbunden ist und der jeden deiner Schritte und Bewegungen berechnet und vorgibt. Wir haben dir doch gesagt, wir wollten alleine sein…“

„Verstehe. Also, und womit beschäftigt ihr euch hier, auf dem Mars?“

„Ja…“, Somov konnte den Satz nicht beenden: Es ereignete sich etwas, wodurch ihre Aktivitäten auf diesem Planeten sehr anschaulich dargestellt wurden.

Ein kleiner roter Wirbelwind trug im Handumdrehen eine Dose mit Schinken fort. Es war ein Eichhörnchen. Eine Sekunde später saß das Tier mit seiner Beute schon in einer entfernten Tanne.

Aljona lachte fröhlich.

„Ganz schön frech, diese Halunken“, Maxim seufzte gutmütig.

„Voilà“, sagte Somov und deutete mit seinem Kopf in Richtung des Eichhörnchens, „Wir beschäftigen uns hier auch mit diesen kleinen Verbrechern.“

„Das verstehe ich nicht.“

„Was gibt es da nicht zu verstehen?“, begann er und holte eine neue Konservendose aus der Tasche, „Das ist doch mein Spezialgebiet. Ökosystemevolutionsplanung. Man hat mich auf euren „Eichhörnchenplaneten“ gerufen, um die Sache mit den wachsenden Populationen dieser Rechtsbrecher in Ordnung zu bringen. Die Raubtiere kommen bisher mit ihnen noch nicht zurecht…“

Das stimmte natürlich: „Eichhörnchenplanet“. Genau als solch einer galt Mars die letzten zehn Erdenjahre. Genauso wie Australien früher einmal der Kaninchenkontinent war oder Neuseeland die Ponyinsel. Die Eichhörnchen fühlten sich hier wohl, und wie! Das Klima war ideal, Nahrung in Massen vorhanden und bisher gab es keine natürlichen Feinde. Aus diesem Grund wurden auch diese importiert und in letzter Zeit auch fieberhaft gezüchtet, aber bisher hatten sie wenig gebracht. Raubtiere können sich allgemein schwieriger an neue Umweltbedingungen anpassen. Aber die Eichhörnchen vermehrten sich exponentiell und sie drohten, eine Umweltkatastrophe zu werden, nicht nur auf einem Kontinent, sondern auf einem ganzen Planeten.“

„Nun, man hat mich gemeinsam mit meiner Frau eingeladen“, endete Somov mit einem Zwinkern, „Als Bonus.“

„Hör nicht auf ihn“, meinte Aljona ruhig, „Wir haben so einen Eifer. Einen wissenschaftlichen. Noch ist nicht einmal klar, wer wessen Bonus ist. Eine statistische Oszilation ist scheinbar nicht jedem Mann gegeben. Auch unter Wissenschaftlern. Genauso wenig kann man eine Ökosphäre langfristig berechnen. Wer kann überhaupt sagen, dass ein Ökosystem nicht auch ein Quantensystem ist? Derjenige soll mal den ersten Stein oder gleich die Große Syrte werfen. Eines eurer Plateaus heißt doch so?“

„Genau“, bestätigte Maxim.

„Also, wenn man erst das Plateau werfen müsste“, lachte Stas, „dann wird schon keiner etwas sagen…“

„Verdammt!“, Maxim kam eine Erkenntnis, „Heißt das etwa, dass ich gerade den Planeten gerettet habe?“

„Noch nicht“, meinte Somov, „Aber sobald es soweit ist, werden wir dich selbstverständlich in den Danksagungen unseres Berichts erwähnen, nicht wahr, mein Schatz?“

„Und wie schaut es mit Geld aus?“, erkundigte sich Maxim.

„Nun, da musst du nicht uns, sondern deine Regierung fragen. Wir sind keine reichen Leute. Wir bezahlen dich in Naturalien, freu dich darüber.“

„Und wie kommst du eigentlich hier her?“, fragte Aljona während sie Maxim ein Sandwich reichte.

„Ich bin von der Arbeit nachhause geflogen.“

„Lass mich raten: Du bist Wachmann?“

„Knapp daneben“, Maxim gähnte theatralisch, „Ich bin Astronom. Aber Astronomen sind in einem universalen Maßstab irgendwie auch Wachmänner. Sie bewachen die ganze Menschheit.“

„Oho. Dann sind wir ja Kollegen.“

„Nun, vielleicht durch das gemeinsame Fundament der Wissenschaft. Aber Leute, hört einmal, ich habe euch wirklich irgendwo schon einmal gesehen, darauf verwette ich meinen Kopf! Aber nicht am Mars. Daran könnte ich mich erinnern.“

Das Ehepaar dachte nach.

„Und wann warst du das letzte Mal auf der Erde?“, fragte Somov, „In Kiew?“

„Och! Meine Verwandten sind ursprünglich von dort! Aus Kiew! Aber selber war ich schon fünf Jahre nicht mehr dort… So wie auf der Erde allgemein.“

„Mmm, dann weiß ich auch nicht… Schon fünf Jahre nicht mehr… Davor waren wir nie in Kiew. Wir sind in Mykolajiw geboren, also, das irdische Mykolajiw meine ich natürlich…“

Maxim schlug sich auf die Knie:

„Jetzt hab´ ich´s! Ich bin doch damals auch nach Mykolajiw geflogen. Bei euch wurde doch dort ein schwimmendes Observatorium gebaut, nicht wahr? Ein meteorologisches Observatorium…“

„…Und wir haben dort autonome Lebenserhaltungssysteme getestet“, Stas begann sich zu erinnern, „Natürlich! Wie klein der Kosmos doch ist!“

„Na so was!“, Aljona lachte los, „Am Ende haben wir doch herausgefunden, wen wir hier haben und wo wir uns getroffen haben. Wir Brüder im Geiste!“

„Nein, auf das müssen wir jetzt anstoßen“, verkündete Maxim.

„Und nicht zu wenig…“, ergänzte Somov.

„Stopp!“, sagte Aljona, „Wird das jetzt mehr als fünfzig Gramm?“

„Ach!“, Max zuckte mit den Achseln, „Wozu gibt es den Autopiloten. Der macht das schon. Hier ist es ruhig und es ist auch nicht mehr weit. Insgesamt 35 Meilen nach Südosten. Übrigens, ich bestehe darauf, euch einzuladen. Ihr müsst meine Frau kennenlernen…“

„Unbedingt“, versicherte Somov, „Sobald wir das mit euren geschwänzten Übeltätern ein wenig in Ordnung gebracht haben…“

„Ja, denn immerhin trifft man nicht jeden Tag ein vertrautes Gesicht zwischen den hiesigen „bunt gemischten“ Leuten. Also, auf die Landsmänner!“

… Die Sonne gewann zunehmend an Kraft, zumindest war kein Eisatem mehr zu sehen.

„Denn ihr habt vermutlich schon bemerkt“, sagte Maxim, dass die Leute hier multikulti sind. Von Skandinaviern bis zu Arabern und Afroamerikanern, die hier natürlich bereits lieber Afromarsianer genannt werden wollen. Im Großen und Ganzen ist das Publikum, das sich hier zum Leben niederlässt, recht anständig. Gesindel wird hier nicht reingelassen.

„Ja, wir haben schon bemerkt, dass eure Visabestimmungen drakonisch sind.“

„Ja, das stimmt. Der Mars ist schon mehr als vierzig Jahre ein glückliches Land, eine wahrer Leckerbissen das sage ich euch. Wenn man aber nur ein kleines Schlupfloch offen lassen würde, kämen die verschiedensten „Glücksritter“ hierher. Aber uns reichen schon die Eichhörnchen.“

„Oh, mein Freund, das heißt“, Somov lächelte, „du bist ein Nationalist… Entschuldigung, ein Patriot. Der Mars den Marsianern, oder wie? Irgendwo haben wir das schon gehört…“

„Ja? Denkt ihr wirklich so? Schade. Ich denke einfach an Amerika. Jenes nach Kolumbus. Zusammen mit verschiedenen Freidenkern und Verfolgten landeten dort Scharen von „frei denkenden“ und „verfolgten“ Verbrechern und Betrügern. Eine Wild-West-Romantik für Zwölfjährige. Australien war überhaupt eine Sträflingskolonie, Neuseeland war eine Insel für Geisteskranke… Nein danke. Einigen Romantikern läuft bis heute das Wasser im Mund zusammen, wenn sie an den Wilden Mars-Westen denken. Und wieso? Der ganze Planet war eine Wüste… Hüte, Pferde, Colts… „Völlig meschugge!“, Maxim winkte dabei mit seiner Hand vor dem Gesicht hin und her, „dorthin sollten man diese Romantiker schicken, zum Asteroidengürtel und noch weiter. Damit man sich nicht mehr riechen muss.“

„Schau mal, Liebling, wie Leute ihre Heimat verteidigen! Nicht so wie wir auf der Erde, wo alle Kosmopoliten sind.“

„Ich bin auch ein Internationalist“, meinte Maxim, „So wie alle Marsianer. Die Menschen am Mars gefallen mir übrigens besser. Patriotismus und Nationalismus – das sind doch zwei völlig verschiedene Kategorien. Nicht wahr?“

„Das stimmt schon“, seufzte Aljona, „außerdem darf man nicht zulassen, dass alle möglichen „Glücksritter“ hierher kommen, denn so etwas ist schon einmal passiert, und sogar genau am Mars. Wir müssen unseren Schützlingen hier die optimalen Bedingungen schaffen – sowohl physikalisch als auch moralisch. Wir müssen ja auch an sie denken, wenn man so sagen kann…“

Für einige Zeit sagte keiner ein Wort.

Mit „so etwas“ meinte sie nicht die Eichhörnchen. Das Eichhörnchenproblem war verglichen damit eine Kleinigkeit. Bloß Kleinkram.

Die Menschheit lebte bis zu diesem Jahrhundert immer auf Kosten ihrer Nachkommen. Das war die wirkliche Plage aller Zeiten und aller Völker gewesen, aber das wurde überall und für immer kompromisslos gestoppt. Aber was dieses „etwas“ betraf, trat die Menschheit nach wie vor in die Fußstapfen ihrer Vorfahren. Ihr fehlte der Mut. Trotz aller Verbotsgesetze betreffend Eingriffe in den Geschichtsverlauf. Noch dazu konnte man dieses Phänomen am Mars sowieso nicht schließen und gleichzeig denjenigen, auf der anderen Seite, verbieten, es zu benutzen. Es blieb daher nichts anderes übrig, als die ganze Sache unter die eigene Kontrolle zu bekommen: Die Einheitsregierung des Mars erklärte das tausend Kilometer breite Gebiet rund um das Phänomen zu einem staatlichen Sanatoriumschutzgebiet. In diesem Zusammenhang erhielt das Projekt den Namen „Projekt Portal“.

Und auch der Mars mit seiner Gravitationssphäre erhielt den Status eines „Naturschutzraums“

Hinter den Kiefern erhob sich ein stärker werdendes Surren eines Rettungsgravimars.

„Na also“, sagte Maxim, „Scheint so, als kommen die wegen euch.“

„Aus“, seufzte Somov und stand auf, „das Buffet ist geschlossen.“

„Also, dann warte ich, warten wir auf euch“, erinnerte Maxim seine wiedergefundenen Freunde, als diese den Gravimar bestiegen.

Zum Abschied schüttelte Somov ihm kräftig die Hand und Aljona gab ihm einen Kuss auf die Wange.

 

*     *     *

 „Die Verlegung erfolgte plangemäß“, sagte Aljona, „Das Zielobjekt hat sich eingewöhnt, die Motorik funktioniert bereits uneingeschränkt, die Lebensgeschichte wurde angenommen. Derzeit begibt es sich zu dem Hauptaufenthaltsort. Wir setzen die Beobachtungen fort.

„Verstanden, Elnova. Auf Wiederhören.“

Nachdem das Bild der Mitarbeiterin vom Display verschwunden war, drehte sich Seljoniy zu Somov um:

„Also, was sagst du?“

„Ich sage, es ist wie immer: einfach wunderbar.“

„Na dann, an die Arbeit.“

 

*     *     *

Die Notwendigkeit für eine Pressekonferenz stellte sich schon früh heraus. Vor allem, weil schon einige unangenehme Gerüchte und pseudowissenschaftliche Spekulationen über das Kiewer Neurologische Institut die Runde machten. Der Rummel wurde immer größer. Irgendwer hatte sogar gemeint, dass es dort irgendeine super-geheime Verbindung ins Jenseits gäbe. Wobei diese Behauptungen wie immer nur von ehemaligen oder zukünftigen Patienten eines völlig anderen Instituts aufgestellt wurden, aber dafür umso lauter. Jedoch lösten all die „Wunder“, die im KNI stattfanden, eine nie dagewesene Pilgerfahrt aus der ganzen Welt aus. Zumindest eines von diesen „Wundern“: aus irgendeinem Grund wollten zahlreiche Topmodels für ein paar Monaten lieber in Kiew arbeiten, als die Mode in Paris zu präsentieren. So etwas Ähnliches konnte man auch über Filmstars sagen, auch über Theaterschauspieler… Aber um Geld ging es diesen Leuten eigentlich nicht. Eines machte besonders neugierig: Die Tatsache, dass scheinbar selbst die aller hoffnungslosesten Kranken das Institut vollständig gesund verließen.

All das hatte dazu geführt, dass ein kleiner Wink genügte, damit der große Konferenzsaal des Instituts Opfer eines wahrhaftigen Massenansturms wurde. Die ankommende Menschenmasse gurrte, stellte Fernseh- und Radiogeräte ein, bereitete Blöcke und Diktiergeräte vor, schaute sich um und besprach sich. Alle waren in der Vorfreude auf einige Überraschungen, wenn nicht sogar auf eine Offenbarung.

Schließlich betraten zwei Männer den Raum – der Assistent und dessen Professor sowie Mentor. Der Professor war einer jener Menschen, die man sich nie lange merken und deren Alter man nicht schätzen konnte: ein überaus durchschnittlicher, mittelgroßer Mann mit kleinen, freundlichen Augen und einem kurzen, hellen Bart. Sein Schüler hingegen hatte alle Eigenschaften einer strahlenden Persönlichkeit: er war groß, schlank, etwa dreißig Jahre alt, er hatte einen hoch erhobenen Kopf, er strahlte Intelligenz buchstäblich aus, denn von ihm ging ein leichter Hauch von Arroganz und Ironie aus. Es schien so, als ob er mit seinen Augen alles wie mit Röntgenstrahlen durchleuchtete. Die Ärzte trugen gewöhnliche, weiße Kittel und machten einen überaus gelassenen Eindruck.

„Schaut mal, da sind sie. Seljoniy höchstpersönlich mit Somov“, ging ein Rauschen durch den Saal, „Ruhe, Ruhe…“

Völlig ungezwungen, so als ob das eine gewöhnliche Vorlesung wäre, saßen die beiden Wissenschaftler hinter dem Tisch, der vor Mikrofonen und Diktiergeräte überquoll, und musterten dabei in aller Ruhe das Publikum.

„Scheinbar erwartete man von uns heute eine wissenschaftliche Erklärung jener Wunder, die hier vor sich gehen“, eröffnete Somov die Pressekonferenz unbeeindruckt.

Unter all den Anwesenden erkannte lediglich der Professor die feine Ironie des Assistenten und sagte:

„Wir sind bereit. Sie können anfangen.“

In der vierten Reihe stand ein stämmiger Kerl mit Sonnenbrille, aufgeknöpfter Jeansjacke und Lederhose auf.

„Dan Staszewski, Associated-Press- Agentur. Herr Professor, sagen Sie, was geht hier bei Ihnen überhaupt vor sich? Immerhin hat ihr Schweigen zu zahlreichen Gerüchten geführt. Beispielsweise sagen einige, dass bei Ihnen etwas Mythologisches oder Übernatürliches vor sich geht, etwas, das mit Gott in Verbindung steht…“

Ein kurzes Gemurmel ging durch den Saal.

„Das klingt ja geradezu heftig und schmeichelhaft“, lächelte Somov.

„Mit Gott, sagen Sie?“, wiederholte der Professor, „Nun, in gewisser Weise ist das auch so. Obwohl sämtliche „Wunder“, wie einige das nennen, hier völlig von Menschenhand getan werden. Und wir haben so lange geschwiegen, weil wir mit dem Projekt beschäftigt waren und keine Zeit verschwenden konnten, unüberprüfte Fakten zu präsentieren. Aber nun, nachdem die Experimente erfolgreich verlaufen sind und bereits die fünfte Patientengruppe die Klinik mit hervorragenden Werten verlassen hat, sind wir bereit, der Öffentlichkeit unsere bisherigen Ergebnisse zu präsentieren. Letzten Endes basieren alle derzeitigen Tätigkeiten unseres Instituts auf der bekannten Volksweisheit „Jede Krankheit ist eine reine Nervensache“… Doch, wenn sie nichts dagegen haben, wird Ihnen mein Kollege die Einzelheiten unseres Projekts erklären.“

Er blickte zu Somov, der sich ein wenig aufrichtete und zu sprechen begann:

„Es dürfte bekannt sein, dass der Mensch ein hochkomplexes physio-chemisches, quanten-oszillierendes System ist, das sich in einem extremen Ungleichgewicht befindet. Es gibt eine gigantische Anzahl feinster Verbindungen zwischen allen seinen Organen und Funktionseinheiten, darunter auch Feldverbindungen…“

„Quanten-was?“, hörte man es Tuscheln.

„Klingt fast obszön. Ob man das drucken kann…“

„Aufnehmen muss man es trotzdem einmal…“

Die Formulierung „es dürfte bekannt sein“ löste dabei einen besonderen Unmut aus. Mit diesen Genies ist es immer so eine Krux! Somov genoss den verwirrten Anblick seiner angestrengten Zuhörer. Er fühlte sich dadurch auf eine befriedigende Weise beinahe physisch überlegen. Immerhin war er begabt und die Nachwuchshoffnung der Klinik. Und es dürfte bekannt sein, dass man Nachwuchshoffnungen einiges durchgehen lässt…

„Alle diese Verbindungen“, setzte Somov fort, „werden faktisch direkt durch das zentrale Nervensystem gesteuert, das heißt, durch das Großhirn. Das Großhirn ist verantwortlich für jede beliebige Quantenoszillation beziehungsweise für alle Biorhythmen sämtlicher Organe und Zellen im Einzelnen sowie des Körpers im Ganzen. In einem normal funktionierenden Organismus sind alle  diese Biorhythmen, bildlich gesprochen, in einem Gleichgewicht, justiert und optimal auf einander und auf die Umwelt abgestimmt. Jede Verletzung oder Desynchronisation dieser Oszillation führt zu verschiedenen Arten von Pathologien und Krankheitsbildern. Das ist eigentlich auch die Ausgangsbasis jeder Erkrankung, der Ursprung. Und genau dort muss die Heilung immer ansetzen. Jedoch besteht der Mensch, so wie jedes Lebewesen, aus zwei grundsätzlichen und, wie schon lange festgesellt wurde, aus zwei gleichwertigen Teilen: einem physischen und einem geistigen, streng genommen, einem psychologischen Teil. Diese beiden Teile sind durch eine Vielzahl wechselwirkender Verbindungen überaus eng miteinander verbunden. Ich gebe ein kleines, aber sehr anschauliches Beispiel. Wenn wir uns am Bein verletzen, wird ein Nervenimpuls ans Gehirn abgegeben, wo sich das Schmerz-Netzwerk befindet. Obwohl der eigentliche Schmerz im Bein ist, und nicht im Kopf. Was würde nun passieren, wenn wir das Nervensystem im Gehirn manipulieren würden? Das Bein würde erneut schmerzen, lediglich gibt es dieses Mal keinerlei physischer Verletzungen. Ist das verständlich? Genau diese vom Gehirn kommenden Verbindungen erklären ebenso die Phantomschmerzen von Beinamputierten. Genauso kann man dadurch die sogenannten „Seelenschmerzen“ erklären, die uns in eine traurige Stimmung versetzen. Abgesehen davon, dass der Adrenalinspiegel im Blut sinkt und das Herz sich mehr anstrengen muss, gibt es noch Gehirnregionen, die für diese Stimmung verantwortlich sind, und die im unmittelbaren Kontakt zu den Schmerzregionen der Brust stehen, dabei korrumpiert werden und diese Schmerzregionen auch berühren. Der Mensch fühlt neben einer Schwermut auch ein physisches Unbehagen oder sogar einen leichten Schmerz in der Brust, der für ein Seelenleiden gehalten wird, dabei kommt es ohne jegliche Begründung zur Unterscheidung zwischen „Seele“ und „Zentralnervensystem“. Langweile ich Sie?“, lächelte Somov, „Nun, haben Sie noch etwas Geduld, immerhin sehnen Sie sich nach der vollständigen und gesamten Information…“

Erneut verstand nur der Professor die Ironie seines Assistenten. Aber es wäre schade gewesen, ihn zu unterbrechen. Soll der Junge sich austoben. Der „Junge“ nahm hingegen einen Schluck aus seinem Wasserglas und fuhr dann sowohl mit seinem Vortrag als auch damit fort, sich über die Journalisten lustig zu machen, die bereits anfingen, zu gähnen und auf ihre Uhren zu schauen:

„Diese vom Gehirn kommenden Verbindungen, von denen ich gesprochen habe, wurden bereits früher unwissentlich verwendet. Zum Beispiel wurden sie von semimystischen und quacksalbernden Wunderheilern angewandt, auf beeinflussbare Menschen zum Teil mit großer Wirkung oder von Predigern, die „religiöse Wunder“ an ängstlichen Bürger vorführten. Übrigens zählen die bekannten Schock- und Stresstherapien zu diesen vom Gehirn kommenden Verbindungen, es sind Spielarten davon… Aber all das trug und trägt rein empirischen, unwissenschaftlichen Charakter. Erst vor 16 Jahren wurde das Konzept der Rücklaufverbindungen in unserem Institut entwickelt und auf einer rein quantitativen Ebene beschrieben. Die vollständige Bezeichnung lautet Psychokinetisches Konzept der Rücklaufverbindungen höherer Nerventätigkeiten, kurz PKKRVHN. Grundsätzlich basiert unsere gesamte Forschungstätigkeit der letzten 15 Jahre auf diesem Konzept sowie seiner Erprobung und Weiterentwicklung. Und man kann sagen, dass wir äußerst weit auf diesem Weg vorangeschritten sind und geradezu herausragende Erfolge erzielt haben. Wissen Sie, als Wissenschaftler könnte ich sagen, dass unser Institut in den letzten acht Arbeitsjahren keinerlei Rückschläge oder Reinfälle erlebt hat. Aber das wäre zu ungenau. Stattdessen teile ich offiziell mit: In 100 Prozent der Fälle… kam es zur vollständigen Heilung…!“

*     *     *

… es war wie in diesem alten Film „Fahrstuhl zum Schafott“.

Aber Maxim benutzte die Treppe, damit sich die Handlung des Films nicht wiederholte. Allerdings war es nicht das Stiegenhaus eines schicken Bürogebäudes, wie im Film, sondern das eines gewöhnlichen neunstöckigen Wohnhauses. Außerdem ging er nicht hinunter, sondern hinauf… Er wollte auch niemanden ermorden. Er hatte es nicht eilig. Er konnte es sich bis zum Dach noch einmal überlegen.

Vielleicht würde er es sich anders überlegen.

Aber vermutlich nicht.

Er gehörte schon lange nicht mehr in diese Welt. Genauso wie alle anderen, die das Projekt durchlaufen haben. Es fehlte nur noch ein Schritt über die Kante. Schwer zu glauben, aber Maxim war DANACH sogar noch unglücklicher als DAVOR. Diese Welt würde niemals eine andere sein… Keine Welt des ewigen Mittags, keine High-Tech-Welt voll strahlender Ritter, voll Weisheit und guter Drachen, keine Welt voll schöner Frauen und Milliarden Planeten…

Die Welt ist, wo sie ist. Hier jedoch…. Dieser „Schwätzer“ in der Bar gestern, dieser Mann in Schwarz, in der schwarzen Lederjacke hatte Recht: Wir sind Missgeburten, eine Sackgasse der Evolution. Obwohl er betrunken herumschrie, sich mit dem Gästen und den Securitys anlegte und danach für die „Missgeburten“ eine entsprechende „Antwort“ erhielt, hatte er völlig Recht. Wir sind wirklich eine Sackgasse. Eine Krankheit der Materie. Und falls sich die Menschheit weiterentwickeln würde, dann nur zum Schlechteren. Und wenn du dir wirklich etwas wünscht, gibt es das nur im Traum oder durch das Vergessen im „Projekt“. „Und wenn das Unglaubliche geschieht“, dachte Maxim, „und mich der liebe Gott, der uns, laut den Geschichten der Pfaffen, alle unendlich lieb hat, hinter dieser Kante mit offenen Armen begrüßt, dann spucke ich ihm ins Gesicht und steige freiwillig in den Feuersee hinein…“

Es war eine Stiege zum Schafott.

Welche unspektakulär endete. Ein kleiner Dachboden, und dann war er schon am Flachdach, am äußersten Rand. Bei der Kante. Ein Penner, der irgendwie dort hinauf gekommen war, wich erschrocken vor ihm zurück. Vor Maxim breitete sich die Stadt wie zum Abschied aus, weit unten glitzerte der Asphalt verlockend in der Sonne… Man wird ihn zweifelsohne bemerken. Aber zu Überredungen oder irgendwelche Heldentaten wird es nicht kommen.

Das schafft man nicht mehr.

Das hätte er schon dort machen sollen. Aber aufgrund der dortigen Gravitation musste er einen Ort auswählen, der höher als neun Stockwerke war. Um sicher zu sterben. Und schön zu sterben. Zum Beispiel vom Memorialfelsen. Oder von der Mittagsklippe. Oder überhaupt gleich vom KNI-Gebirge… Ein schöner Tod… Was kann schöner sein? Nur ein schönes Leben. Aber das ist unmöglich. Alles geht irgendwann zu Ende. Besonders DAS. Jedoch wusste Maxim das damals nicht. Leider.

Jetzt kann man aber schon nichts mehr machen.

„Verzeihen Sie, Professor“, dachte er lediglich, als er über die Kante ging, „dass ich Ihnen die Statistik ruiniere. Aber der Mann in Schwarz hat Recht… Und ich kann nicht mehr. Ohne sie.“

…Schweißgebadet fuhr Maxim im Bett hoch. Er fühlte eine riesige Erleichterung: Es war ein Traum.

Nur ein Traum.

Einer von jenen, die du möglichst rasch vergessen willst, und du dankst allen möglichen sowie unmöglichen Kräften des Universums dafür, dass er nicht real war. Denn ansonsten wäre das viel zu ungerecht gewesen, das durfte einfach nicht sein! Alles nur ein Traum… Das genaue Gegenteil jener süßen Träume, aus denen du mit Tränen der Verzweiflung aufwachst und dann deine Augen noch lange nicht öffnest, weil du vergeblich versuchst, in diese wundervolle Welt zurückzukehren.

Und er fühlte auch eine unbeschreibliche Freude durch eine zarte und warme Berührung am Rücken, bei seinen Schultern und beim Hals. Die Dunkelheit im Schlafzimmer wurde lediglich vom grünes Licht einer Digitaluhr, die an der Wand hing, und den hellen Sternen über dem durchsichtigen Dach zerstreut. Unter diesen Sternen bewegte sich deutlich eine kleine Kartoffel – Phobos. Die Stille dieser Marsnacht wurde nur durch seine rasche Atmung sowie ihrem erlösendem Flüstern gestört:

„Psst! Psst!… Beruhige dich, Liebling. Es war alles nur ein Traum…“

Diese Stimme. Er hätte ihr ewig zuhören können. In jeder Variation. Sie richtete sich ebenfalls etwas auf und umarmte ihn. Ihre Lippen berührten seine Wange…

„Weißt du“, flüsterte er bereits ruhiger, „Ich habe wirklich manchmal Angst. Immer wenn ich erkenne, dass ich nicht ohne dich leben kann. Dann ist es mir völlig egal, was mit der Welt passiert oder um uns herum – Hauptsache ist, wir sind zusammen.“


*     *     *

 „Hier spricht Elnova. Ein Bericht über 287. Ende des ersten Monats. Objekt hat das Stadium „F“ erreicht: Traumkardio. Das Psychoresonanzlevel ist sieben und eins – sehr durchschnittlich. Ohne gröbere Abweichungen.“

„Verstanden. Weitermachen mit der Tensio. Leistung des Ektomodus: 19.“

„Verstanden: Ektomodus 19 erg.“

„Noch irgendetwas? Was ist mit den Reflexen?“

„Reflexe normal. Ja, da ist noch was: ein unerwarteter Faktor hat sich hier aufgetan.“

„Ja? Was denn für einer?“

„Also, momentan gibt es keinen besonderen Grund zur Beunruhigung… In seinen Träumen taucht lediglich ständig ein Mann in Schwarz auf.“

„Einer  von uns?“

„Weiß ich noch nicht. Aber ich finde es heraus.“

„Aber schnell. Ende und Aus.“

 

…„Anton Sanitsky, Kanal „Nord“. Trotz der hohen wissenschaftlichen Reputation Ihres Instituts und dieser beeindruckenden Ergebnisse, behaupten dennoch einige, dass es sich hier bei Ihrer Tätigkeit um Scharlatanerie und Betrug handelt, und, dass Ihr Psychokinetisches Konzept, milde gesagt, ausgedacht ist und bei den Haaren herbeigezogen. Wie würden Sie das kommentieren?“

Offensichtlich begannen hier alte Bekannte Aufstellung zu nehmen: provokative Fragen.

„Nun, was soll ich Ihnen darauf antworten?“, sagte Seljoniy, „Zweifel und Fragen – das sind einige jener Dinge, die uns Menschen von den Tieren unterscheiden. Daher finden wir derartige Gespräche ziemlich natürlich. Jedoch verbergen wir weder Ergebnisse unserer Arbeit, noch die zugrundegelegte Theorie, die jeder nachprüfen kann, wenn er natürlich über die notwendigen Kenntnisse verfügt. Es ist klar, dass es weitaus leichter ist, im Büro zu sitzen und Neues zu kritisieren, insbesondere, wenn dieses Neue Ihnen keinen wirtschaftlichen Vorteil verschafft… Den Skeptikern bringe ich gewöhnlich ein Zitat von Vitali Tsymbalyuk, Mitglied der Akademie der Wissenschaften und Begründer jenes Konzepts der Rücklaufverbindungen: Wenn, vereinfacht gesagt, nicht ideale Lebensbedingungen bei einem absolut gesundem Menschen zum Infarkt führen können, warum sollte es dann unmöglich sein, den Prozess mit Hilfe idealer Bedingungen umzukehren? Von meiner Seite kann ich noch ergänzen, dass die psychophysischen Verbindungen in der Wissenschaft schon lange nicht mehr als irreversibel angesehen werden. Es handelt sich daher um keinen nicht-umkehrbaren Sturz in den Abgrund. Gibt es weiteren Forschungsbedarf? Ja. Sind sie unendlich komplex? Natürlich! Sind sie auch geheimnisvoll? Wenn Sie wollen, auch das, aber sie sind sicher nicht irreversibel! Und das Psychokinetische Konzept beschäftigt sich nun mit dem Wissen über diese Verbindungen. Ich hoffe, meine Antwort war für Sie zufriedenstellend.“

„Maria Hodschaj, Agentur MIRA-Nowosti. Sagen Sie bitte, kann man mit Ihren Methoden tatsächlich jede Krankheit zur Gänze heilen? Oder gibt es dennoch Ausnahmen?“

„Es gibt keinerlei Ausnahmen“, erwiderte der Professor entschlossen, „Das kann ich mit voller Überzeugung bestätigen und mit den Unterlagen belegen. Jedoch muss man gerechterweise anmerken, dass rein funktionelle Störungen des Organismus, die mit dem Nervensystem oder dem Gehirn in Zusammenhang stehen, am effektivsten geheilt werden. Etwas schwieriger verhält es sich mit den physikochemischen Erkrankungen, so wie Krebs, Aids und so weiter. Aber letztendlich wird in unserem Institut und in Laufe des Heilungsprozesses ALLES beseitigt. Sehen Sie, wir verstehen Ihre gesunde Skepsis und das Misstrauen äußerst gut, das heißt auch die Gründe für Ihre Fragen. Schlussendlich gab es trotz der Fortschritte in der Medizin zu allen Zeiten unheilbare Krankheiten. Aber Sie können mir ruhig glauben, dass diese Zeiten mit dem Aufkommen unseres Psychokinteisches Konzepts der Rücklaufverbindungen endgültig der Vergangenheit angehören.“

Dann folgte eine banale, jedoch brennende Frage:

„Anton Uwarow, Kanal Inders. Sagen Sie bitte, wie viel kostet eine vollständige Behandlung dem Institut ungefähr und ist eine solche für den Durchschnittsmenschen überhaupt erschwinglich?“

„Was denken Sie“, fuhr Seljoniy mit seinen Antworten fort, „Wie viel kostet es, dem Menschen ALLES zu geben? So betrachtet ist der gesamte Heilungsprozess bis hin zur vollständigen Genesung, dieser High-Tech-Prozess ist faktisch geschenkt: ungefähr hunderttausend plus-minus. Aber auch dieses ´faktische Geschenk´ kann sich bei Weitem nicht jeder leisten. Daher versuchen wir allen zu helfen, die es zu uns geschafft haben. Die Warteschlange für unser Institut ist aber riesig und es hierher zu schaffen schon ein großer Erfolg. Aber ich denke, jeder versteht, dass es kein großes Institut ist und wir einfach nicht in der Lage sind, jedem Bedürftigem zu helfen…“

„Muss man das noch einmal erklären oder hat das jeder verstanden?“, warf Somov ein.

Es folgten Fragen einiger ausländischer Journalisten. Sie interessierte vor allem eines: Wann können sie sich dieses Vergnügen bei sich zuhause leisten – am besten für wenig Geld? Und die Antwort war jene: Sobald die Mächtigen der Welt erkennen, dass das keine gewöhnliche, sondern eine epochale Entdeckung ist. Dies ist die Rettung der Menschheit. Und nicht nur in einem physischem Sinne. Ein großer Teil der Weltbevölkerung, der die Krücken beiseite werfen wird, wird eine grundsätzlich andere Sicht auf die Welt haben, als jene, die dergleichen niemals erlebt haben. Alle diese Leute kennen den wahren Wert des Lebens. Und den Wert von ALLEM.

Nach einer kleinen Verwirrung unter den anwesenden Journalisten, erhob sich eine attraktive Dame mit einer üppigen hellroten Frisur.

„Elene Silkova, Korrespondentin der Zeitschrift ´Inna´. Bei Ihnen am Institut arbeiten sehr oft Models. Sagen Sie daher, wenn möglich, was diese hier machen und warum die Arbeit am Institut für diese so reizvoll ist? Danke.“

Die Wissenschaftler lächelten.

„Die Models arbeiten bei uns nur vorübergehend“, sagte Seljoniy, „Zeitweise arbeiten bei uns auch, wenn wir sie einladen, Popstars, Filmstars oder Theaterschauspieler. Was ist für diese hier reizvoll? Obwohl ich nicht daran zweifle, dass einige von diesen vor allem wegen der wirtschaftlichen Vorzüge hier sind, die sie erhalten und die nicht zu gering sind, möchte ich mich keinesfalls darauf beschränken. Denn unsere Behandlung ist, wie ich bereits gesagt habe, zu 70 Prozent ein lebensbejahendes Schauspiel. Und vielleicht wird eine solche mehrmonatige Rolle in diesem Schauspiel für einen künstlerischen Menschen, der hohe moralische Prinzipien hat, zu der Rolle seines Lebens. Eine Rolle, die irgendjemanden das Leben zurückgibt und die Welt dabei besser macht! Das klingt unter Umständen vielleicht etwas schwulstig und romantisch. Vielleicht ist in Wirklichkeit jedoch alles viel einfacher und pragmatischer. Ich möchte nicht als Idealist erscheinen, aber ich, als Mensch mit Lebenserfahrung würde dennoch gerne an genau solche `nicht pragmatischen´ Motive glauben. Selbstverständlich könnte auch irgendein arabischer Scheich oder genauso ein russischer Ölmagnat hierher kommen und sich einen Hollywoodstar für die Heilung buchen, sie wissen ja selber, was so etwas kostet…“

 

*     *     *

Der kleine Sonnenball stieg langsam über den funkelnden, hellblauen, klaren Ozean. Maxim landete seinen „Ellada“ auf der Landefläche ungefähr 30 Meter von einem Strandhaus mit einem Kuppeldach entfernt und betrat den Sand. Sofort, als er dies getan hatte, näherte sich Phobos galoppierend seinem Herrchen. Der riesige Neufundländer hätte ihn wohl über den Haufen gerannt, wenn er ihm so in die Arme gelaufen wäre. Aber Maxim duckte sich, und der Hund flog im hohen Bogen über den Kopf hinweg und landete auf dem Elladadach. Sabina winkte ihm freudig von der Terrasse hinunter – sie war seine einzige und wahre Liebe. Maxim war ein wirklicher Glückspilz. Er hatte vom Leben alles bekommen, was er sich gewünscht hatte und derzeit brachte es ihm jeden Tag, jede Stunde, jede Sekunde ausschließlich Zufriedenheit. Die Astronomie war ihm nicht nur Beruf, sondern auch Berufung, und das auf einem der dafür bestgeeignetsten Planeten in einem der modernsten Sternwarten. Den Weg nach Hause zu seinem topmodernen Strandhaus am warmen Ozean legte er stets in seinem erstklassigen Privat-Gravimar zurück. Dort wurde er bereits immer erwartet: Vom allerschönsten Mädchen auf der Welt, das nur mit ihm zusammen sein wollte, und dem allerbesten Hund auf der Welt, der ihn abgöttisch liebte. Seine Eltern waren stolz auf ihren weltbekannten Sohn und sie trafen sich regelmäßig in seinem Haus, aber, weil sie alle in völlig verschiedenen Winkeln des Sonnensystems arbeiteten, via Videochat.

Der Mars schien wie der ideale Ort für Menschen wie Maxim Strogiy: hier war es ausreichend unbevölkert, dass man dir nicht auf die Füße stieg, aber auch ausreichend nah zur Erde, dass man sich nicht einsam fühlte. Außerdem war der Mars zur Gänze von den Menschen gezähmt worden und verfügte über Kurortqualitäten. Seine giftige Atmosphäre war künstlich mit Sauerstoff und Stickstoff gesättigt worden, die Temperatur war soweit angestiegen, dass die Permafrostböden geschmolzen waren, die die riesigen Marsbecken und die ausgetrockneten Flussarme mit dem Quellwasser gespeist hatten. Weite Wüsten verwandelten sich in Nadelwälder und man konnte auf der Planetenoberfläche bereits so gut atmen, wie in den Gebirgsregionen der Erde. Der Kriegsgott Mars hatte sich in ein ungefährliches Kätzchen verwandelt und war sogar, insbesondre in der äquatorialen Zone, zärtlicher und sanftmütiger als die Erde geworden. Selbst die berühmt-berüchtigten Marsstürme zerstörten einem im schlimmsten Fall nur mehr die Frisur… Wenn man natürlich von den seltenen Stürmchen absah, welche durch die Präventionsmaßnahmen der Klimastationen hervorgerufen wurden. Wie jenes vor zwei Monaten.

Wären da nicht… diese seltsamen Träume…

„Phobos, kalkulier doch deine Sprünge so, als ob wir nicht mehr auf der Erde wären“, sagte Maxim und streichelte den Hund dabei am Hals, „Braver Hund. Ein ganz braver! Sitz! Sitz, Phobos!“

Er ging ins Haus und sein Blick fiel auf den gedankengesteuerten Antigravitationssessel, der unbeweglich an der Wand des Heizungskellers hing. Ein wunderbares Teil für jemanden, der sich das Bein gebrochen hat. Maxim brauchte ihn schon wie ein fünftes Rad am Wagen. Er sollte ihn mal verschenken…

„Ich liebe dich, Sabinchen!“, rief er sofort, als er über die Schwelle trat.

Mit jeder Stufe vergrößerte sich die Belastung in seinen Beinen zunehmend, bis sie auf der Terrasse ein Ge erreichte: Auf der gesamte Wohnfläche war eine irdische Gravitation eingestellt worden. Für die Bewohner des Mars war das eigentlich überhaupt nicht nötig, wenn man aber gelegentlich zur Erde flog, wollte man nicht jedes Mal eine Adaption durchmachen. Es war auch nicht besonders angenehm, sich schlaffer und dreimal schwächer als ein Erdling zu fühlen.

„Ist das anstelle eines ´Hallos´?“, erwiderte ihre charmante Stimme. Sabina saß hinter einem durchsichtigen Tischchen und schrieb irgendetwas, vermutlich wieder ihre Berichte.

„Hast du leicht etwas dagegen?“

Das Mädchen dachte theatralisch nach.

„Das hängt davon ab, wer das sagt. Wenn das zum Beispiel mein Chef sagt, dann bin ich dagegen…“

„Und wenn ich es sage?“

„Nun, wenn du das sagst…“

Sie zog Maxim zu sich und drückte ihre auf seine Lippen. Die heurige Miss Mars trug wie immer zuhause ihren unwiderstehlichen Bikini. Ohne von ihren Lippen zu lassen, setzte sich Maxim auf den freien Stuhl neben sie.

Es war ein langer Kuss…

 

*     *     *

 „Hier spricht Elnova. Scheiß Sache: MS ist keiner von uns und keiner von euch. Jedenfalls gibt es keine Personalakte…“

„MS ist, wenn ich das richtig verstehe, ein Codename für unseren Mann in Schwarz?“

„Ja, natürlich. Offensichtlich ist es ein `Gast´. Vermutlich ein Agent der Allianz, der es irgendwie durch das Portal geschafft hat. Ein Profi, das sieht man sofort.“

„Und was ist denn mit eurem undurchdringbaren Sicherheitssystem?“

„Kein Grund zynisch zu werden, Herr Kollege. Es gibt keine undurchdringbaren Systeme. Besonders, wenn Profis dagegen arbeiten, die von anderen Systemen unterstützt werden, die ebenso gut sind… Kurz gesagt, die Marskoalition ist in Rage. Was MS bei euch anstiften kann, darüber kann man nur spekulieren. Aber in jedem Fall ist es bereits eure Problem, ihn herauszufischen. Dennoch haben wir euch einen unserer Spezialisten in der Spionageabwehr geschickt…“

„Warte mal. Sind die Aktivitäten der Allianz nicht offensichtlich eine Verletzung all eurer Verbotsgesetze betreffend Eingriffe in den Geschichtsverlauf?“

„Eurer!“, fuhr Aljona hoch, „Unserer, Herr Kollege! Unserer. Und das ist übrigens nicht sicher. Also die Verletzung. Sein Einfluss auf uns könnte derart schwerwiegend sein, dass die Folgen dieser Intervention erst nach hundert Jahre spürbar sein werden – bei uns. Die Aufgabe der Allianz lautet mit heutigem Tag: dem Projekt so viel Schaden wie möglich zuzufügen. Denn sollte etwas mit unseren Geschäften passieren, dann wird beinahe der halbe Mars arbeitslos sein. Man muss wohl kaum erklären, wozu das führt? Man kann uns in einem Aufwisch und ohne große militärische Aggression nehmen. Nun, und sie können ihre Heilung vergessen, wenn man sich deren Verfassung ansieht…“

„Ja, das ist ein Problem… Na gut, wir werden uns irgendetwas ausdenken, irgendetwas wird uns schon einfallen. Und würdet ihr uns sagen, wo er sich befindet, oder etwa nicht… ihr Zukünftler.“

„Natürlich, sofort! Aber Ohne eure Aufzeichnungen wäre die Vergangenheit für uns auch kein offenes Buch. Wissen wir etwa auch über die nahe Vergangenheit so viel aus unseren Aufzeichnungen und aus der Chronik? Das heißt, über jeden Menschen darin? Wer wann wohin ging, mit wem er geredet hat, was er gemacht hat…? Wenn man ihn überwacht hat, dann natürlich. Aber wenn sich der Mensch nirgendwo gezeigt hat, mit niemanden geredet oder Kontakt aufgenommen hat? Es wäre so, als ob es diesen Menschen in der Geschichte nie gegeben hätte. Ohne Maxim Strogiy und die anderen ´Objekte´, die ihn irgendwo gesichtet haben, und zwar bei euch, bei denen er einen unterbewussten Eindruck hinterlassen hat, noch dazu mit einem bestimmten zerstörerischem Zweck, dann hätten wir bis heute nicht gewusst, dass wir einen ´Gast´ haben.“

„Ja, aber… jeder muss doch irgendeine Spur hinterlassen, irgendwelche Wasserkreise ziehen, irgendeine Wirkung auf seine Umgebung haben. Wir können doch nicht losgelöst von unserer Umwelt existieren. Es gibt eine Dialektik.“

„Natürlich. Aber worin zeigt sich so eine Wirkung? Normalerweise ist die Ereigniskette, die von einem bestimmten Menschen erzeugt wird, nach etwa fünf Jahren schon derart verwirrend, dass sie ohne das Wissen dieses Menschen nicht mehr durchschaut werden kann. Mit Bestimmtheit können wir nur eines sagen: die Aktivität unseres MS ist darauf ausgerichtet…“

„Dem Projekt Portal maximalen Schaden zuzufügen“, fuhr Somov nachdenklich fort, „Das heißt, wir warten auf Komplikationen bei den heiklen Punkten des Systems.“

 

*     *     *

…„Also, wie war dein Tag… das heißt, die Nacht?“, fragte Sabina, nachdem sie sich wieder etwas abgewandt hatte um sich ihren Unterlagen zu widmen, „Hast du irgendetwas entdeckt?“

Er antwortete nicht gleich. Er musste sich erst nach diesem Kuss „erholen“. Manchmal beschleicht ihn ein Gedanke: Warum hatte sich so eine wie Sabina eigentlich so einen gewöhnlichen Kerl ausgesucht, selbst wenn er ein bekannter Wissenschaftler war? Aber Maxim gehörte zu den Leuten, die ihr Leben nach dem Prinzip „Carpe Diem, und frag nicht nach dem warum“ lebten. Aber man musste dafür kämpfen.

Und bisher brachte es ihm Glück.

„Mit dir wäre es besser gewesen“, antwortete er schließlich, „Eigentlich nichts Besonderes. Ein paar Kometen und drei Asteroiden. Zu mehr bin ich nicht gekommen – wir haben Leitsterne für die Fünfte Transgalaktische beobachtet. Nun, du weißt ja, in einem Jahr fliegen die zum Rigel.“

„Aber wage es nicht, mit denen mitzufliegen!“, sagte Sabina streng, „Sonst hau ich auch in den Andromedanebel oder sonst wohin ab.“

„Dorthin kann man doch noch nicht fliegen!“, lachte Maxim, „Gut, keine Sorge. So sehr liebe ich den Kosmos auch nicht. Dass ich dich verlassen würde…“, er schnaufte und hob etwas die Stimme: „Gibt es eigentlich bald Frühstück?“

„Verfügbarkeit in 30 Minuten“, tönte die Stimme Ptolemäus, des Haushaltsroboters, aus der Küche.

Maxim schaute auf seine Uhr. Tatsächlich, es war erst sieben Uhr dreißig… Obwohl die Sonne schon recht hoch über dem Horizont stand.

„Du kannst dir nicht vorstellen“, sagte er und streckte sich dabei, „wie sehr ich auf den Moment gewartet habe, dass ich mir endlich diesen Overall ausziehen kann.“

Sabina schob ihre Unterlagen zur Seite und ging wieder zu ihm hinüber. Der Ozean spiegelte sich in ihren klaren, grünen Augen und ein leichter Wind spielte mit ihren lockigen, blonden Haaren.

„Vielleicht überrascht es dich“, meinte sie kryptisch, „aber ich warte auch schon lange darauf…“

„Weißt du, irgendwie überrascht mich das nicht wirklich.“

Langsam zog sie an dem Reißverschluss seines Overalls.

„Moment!“, stoppte Maxim sie, „ich habe noch eine Frage: Fliegst du heute auf die Arbeit?“

Sabina arbeitete im Außenhandelsministerium von New Antaria, der Hauptstadt dieser Marsregion.

„Wie du siehst, habe ich meine ganze Arbeit nach Hause mitgenommen, außerdem gibt es dort ohnehin nichts Besonderes zu tun: Die Erde ist in letzter Zeit etwas zurückhaltend. Deswegen wird das Ministerium heute irgendwie auch ohne mich überleben. Also, genug geredet…“

Sie war unwiderstehlich.

Die Verliebten wälzten sich über den weichen, gefederten Boden…

Phobos wandte sich höflich ab und verließ die Terrasse. Danach lief er im Galopp durch die herankommenden Brandungswellen, sprang dann mit Schwung in den Ozean und war sofort dreißig Meter vom Ufer entfernt. Der riesige Hund tummelte sich wie ein Welpe im seichten Wasser, erzeugte dabei ein Feuerwerk aus Wasserspritzern, die aufgrund der Marsschwerkraft verlangsamt waren und fünfzig Meter weit herumspritzten, und im Flug fing er Fische, die in Panik geratend um ihn herumsprangen.

 

*     *     *

 „Also, was haben wir denn hier?“, fragte der Professor beim Betreten des Labors, in welchem sich Somov die Ergebnisse des Patienten anschaute, „Ah, 287… Maxim Strogiy?“

„Ja, Iwan Dmitrijewitsch“, antwortete Somov, „Alles verläuft nach Plan. Die sexuellen Funktionen wurden im dritten Monat wiederhergestellt.“

„Ausgezeichnet. Aber eigentlich hole ich dich ab, Stas. Bist du bereit? Das Publikum wartet schon. Aber… versuche sie bitte nicht ´vollzupacken´.“

„Nun, Iwan Dmitrijewitsch, ich bin doch kein Schriftsteller, der auf die Leser Rücksicht nimmt“, lächelte Stas dem Professor schälmisch zu, „Oder auf die Zuhörer. Besonders auf solche…“

Der Professor schüttelte vorwurfsvoll mit dem Kopf.

 

…Danach folgte eine Reihe von Fragen, bei denen es sehr schwierig war, die Antwort auf das intellektuelle Niveau der Fragenden anzupassen. Und obwohl den Mediziner dies möglich gewesen wäre, beantworteten sie auch dumme Fragen durchaus wissenschaftlich.

„Pawel Dunduk, Partei Sozialer Nationalisten“, tönte die verschnupfte Stimme einer hageren Figur im eleganten Dreiteiler, die gerade den Saal betreten hatte, „Sagen Sie bitte, berücksichtigen Sie in Ihrer Arbeit mit dem Patienten oder in dem Schauspiel, wie Sie es nennen, auch Aspekte einer nationalen geistigen Wiedergeburt, sagen wir, der Sprachproblematik? Zumindest für Slawen?“

Somov räusperte sich und der Professor meinte trocken:

„Wir beschäftigen uns hier, mit allem Respekt, mit der Heilung von Menschen und nicht mit Politik. Das sind keine ideologischen Spielchen, sondern menschliche Schicksale und Leben. Und wir sind nicht dazu bereit, Zugeständnisse zu machen. Weder an die Regierung, die uns nichts gegeben hat, noch an irgendeine Partei oder gesellschaftliche Bewegung mit nationalem Gedankengut, die uns nichts geben können. Egal ob der Patient in der Saporoger Sitsch leben und Ukrainisch reden will, oder ein russischsprachiger Mondforscher sein möchte oder auf den Mars zieht und Englisch redet, wir werden ihm dies stets ermöglichen, völlig unabhängig von der jeweiligen Nationalität. Das Wichtigste muss sein: die Gesundheit sowie das Leben des Menschen. Und wir haben weder die Zeit noch das moralische Recht, mit den verschiedensten geistigen Wiedergeburten herumzuexperimentieren.“

„Haben Sie gesagt, ´auf den Mars ziehen´?“, hörte man verwirrte Stimmen, „Aber dorthin kann man doch nicht fliegen? Und in die Saporoger Sitsch genauso wenig…“

„Und ob. Wie ich bereits gesagt habe, geben wir dem Menschen alles, was er sich nur erträumen kann. Mit Hilfe unserer virtuellen Realität ist alles möglich…“

„Ich würde gerne die letzte Wortmeldung mit einer Gegenfrage kommentieren“, erklärte Somov gelassen, „Herr Dunduk, könnten Sie mir bitte noch einmal genau sagen, aus welcher Nationalen Partei sie gleich noch mal waren? Soweit ich weiß, gibt es derzeit ja schon fünf von denen.“

Der Saal lachte kurz auf.

„Die Sozialen Nationalen…“, vermeldete dieser stolz und nahm wieder Platz.

„Noch Fragen?“, erkundigte sich Seljoniy.

Eine Frage kam von einem großen Kerl in abgeschnittenen Jeans, einer roten Jacke, mit einer lila Krawatte und einer kurzen Igelfrisur. Er hielt es nicht einmal nötig, sich aus dem bequemen Sessel zu erheben.

„Swjatoslaw Indukow, ´New resident´-Journal. Ich wollte trotzdem wieder auf Ihre Mädchen zurückkommen. Denken Sie nicht, dass es eine Sünde wäre, diesen Reichtum nicht für eine Verbesserung der finanziellen Lage Ihres Instituts zu verwenden? Man könnte zum Beispiel Modeschauen in Kiew veranstalten. Und eigentlich gibt es viele Arten, mit Mädchen Geld zu verdienen…“, schloss er lächelnd.

„Erlauben Sie, dass ich antworte? Scheinbar ist die Frage betreffend ´mit Mädchen Geld verdienen´ für viele eine sehr brennende…“

Seljoniy konnte seinen Assistenten nicht rechtzeitig stoppen. Mit einem wehmütigen Lächeln erklärte Somov ruhig:

„Ich habe keinerlei Zweifel daran, dass die Redaktion des New Residents genau das tun würde, wenn sie die Leitung dieses Instituts inne hätte. Lediglich, wenn es dazu kommen würde, könnte man es schon nicht mehr als Neurochirurgisches Institut bezeichnen, sondern, zurückhaltend ausgedrückt, als Peepshow. Und man würde sich hier dann auch nicht mehr mit der Heilung von Menschen beschäftigen. Vermutlich würde genau der gegenteilige Prozess stattfinden…“

„Die nächste Frage!“, der Professor unterbrach Somov rasch, damit der temperamentvolle Kerl dem Journalisten nicht mehr erzählen konnte, was er sonst noch von Leuten wie ihm hielt.

…Es gab noch unzählige Fragen an die Wissenschaftler. Über allgemeine Themen sowie über deren Arbeit im Speziellen. Auch über die grundsätzlichen Ideen und Gedanken, die auf eines hinausliefen: Im Prinzip ist jede Krankheit heilbar, sofern dem Patienten optimale Lebensbedingungen geboten werden. Das war die Kernaussage des Psychokinetischen Konzepts der Rücklaufverbindungen höherer Hirnaktivitäten, an dem hier, im KNI, bereits sechzehn Jahre lang gearbeitet wurde. Weiters sagte es aus, dass ein Patient, abhängig von seinem Zustand, entsprechende physische Belastungen und spezielle, individuelle äußere Einwirkungen erhalten muss… Das Wichtigste jedoch, das Fundament des Konzepts, ist, dass der Patient sich unbedingt in einem Zustand endlosen allumfassenden Glücks befinden muss, mit dem ständigen Gefühl eines wahrgewordenen Traums. Dieses „private Nirwana“ ist eine notwendige Grundbedingung.

Das alles ging in der sogenannten Regenerationszone vor sich, die zum Institut gehörte und sich auf einer acht Hektar großen Grünfläche Kiews befand und mit allem Notwendigen ausgestattet war.

„Wenn Sie sich erinnern“, sagte Somov, „wollte man hier irgendein neues Kloster errichten. Aber wir haben die Regierung davon überzeugt, dass unsere Zone für deren Image nicht schlechter wäre. Und für das Staatsbudget sogar besser…“

Genau dort spielt sich das Heilungsschauspiel ab, wie es Seljoniy ausdrückte, in dem der Genesungsprozess wissenschaftlich vorbestimmt wird. Die Heilungsdauer in diesem Spektakel kann allerdings unterschiedlich sein, der Patient ist darin die Hauptfigur. Natürlich ohne sich dessen bewusst zu sein…

Eine Pseudonarkose mit einer selektiven Amnesie, eine computergestützte virtuelle Realität, die auf Quantentechnologien basiert… Wollen Sie im blühenden antiken Griechenland leben? Oder im mittelalterlichen Sachsen? Oder auf einer „ökologische“ Erde ohne Krieg und Naturkatastrophen und dabei akzentfreies Chinesisch sprechen? In der Zukunft, auf einem „umgebauten“ Mars? Oh, Sie wollen Ihr Schwert gegen feuerspeiende Drachen schwingen? Bitteschön! Kein Problem.

Jedoch gibt es in all diesem immer etwas Echtes. Oder jemanden Echten…

Kurzum, Krankheiten haben keine Chance…

Eine Wissenschaft, die der Mystik ähnelt… Aber selbst die übersinnlichste Zauberei konnte sich so etwas nicht vorstellen…

Wer es nicht glaubt, muss es einfach überprüfen. Wenn die Qualifikation dafür ausreicht… Und wer kann, soll es besser machen…

All das war Thema zwischen den Journalisten und den Forschern.

Ohne dass es jemand bemerkt hatte, war es dunkel geworden. Ein kalter Herbstabend umhüllte Kiew. Die Pressekonferenz kam zum Ende. Aber natürlich gibt es auch im größten Suppentopf ein kleines Härchen. Und so wurde jene Frage, die Seljoniy zu vermeiden versuchte, dennoch gestellt.

„Also, offenbar ist das die letzte Frage?“, seufzte der Professor etwas erschöpft.

„Die letzten zwei Fragen.“

Ein Mann in einem schwarzen Ledermantel stand in der letzten Reihe auf, mit den Händen in den Taschen. Er stellt sich nicht vor.

„Ich habe zwei Fragen. Können Sie Ihre Methode auch zum Schaden der Menschen einsetzen und stimmt es, dass bis zu dreißig Prozent Ihrer Patienten innerhalb einer gewissen Zeit nach der Therapie Selbstmord begehen? Danke.“

Dieses „Danke“ klang besonders spöttisch. Die letzte Frage schlug ein wie ein Blitz aus heiterem Himmel. Der Saal war spürbar aufgebracht und die Leute unterhielten sich aufgeregt. Somov öffnete seinen Mund um zu antworten, aber er stoppte, nachdem er die Hand des Professors auf seiner spürte. Nein, der Professor wollte das natürlich nicht verheimlichen – diese wichtige und fürchterliche Nebenwirkung. Lediglich, die Zeit war noch nicht reif dafür, die Öffentlichkeit hätte darauf noch vorbereitet werden müssen. Seljoniy wollte, dass sie es nur von ihm erfahren! Aber er konnte nun nichts mehr ändern, er musste jetzt reden.

Der Professor begann ruhig, so als ob er eine Vorlesung halten würde:

„Zur ersten Frage. Man kann den Menschen sogar mit einem Aspirin oder einem Blutdruckmesser Schaden zufügen. Die Frage ist hier nur, was die Regierung unternimmt, um die Bürger davor zu beschützen. Dafür gibt es eine Regierung. Nun, was die zweite Frage betrifft… ist die Sache schwieriger. Es kommt tatsächlich zu Selbstmordzwischenfällen, das zu verschweigen wäre sinnlos. Das ist eine inhärente Nebenwirkung unserer Heilungsmethoden. Das liegt jedoch nicht an unserer Theorie oder an technischen Fehlern. Technisch gesehen ist unsere Methode völlig unbedenklich. Das Schlimmste, das passieren kann, falls die Geräte unerwarteter Weise ausfallen würden, ist, dass es zu keinerlei Heilungsfortschritten kommt, wobei der Vorgang sofort wiederholt werden könnte. Den Grund dieser Nebenwirkung findet man auf einer völlig anderen Ebene. Einer psychologischen. Es handelt sich dabei eigentlich um eine Art posttraumatischen Stress. Eine derartige Nebenwirkung wurde bereits zu Beginn des Konzepts von dessen Begründer Vitali Tsymbalyuk vorausgesagt. Dieser schrieb: Die Patienten müssen einen unerträglichen Schmerz erleiden, wenn sie aus ihrer nicht existierenden Traumwelt in unsere reale Welt zurückkehren. Man nennt es „Kein-Zurück-Syndrom“ oder Tsymbalyuk-Syndrom. Die Leute kehren aus ihrem Paradies in die reale Welt zurück und sehen all die Unterschiede zu jener Welt, in der sie glücklich und geheilt waren. Sie sehen eine reale Welt voller Probleme und Schmerzen. Die Unvollkommenheit unserer Welt ist der Grund und die Wurzel des Übels. Für die Patienten ist es äußerst schmerzhaft zu leben, und bei einigen kehrt ihre Erkrankung in der einen oder anderen Form zurück. Also, und einige ertragen das nicht und wählen diesen tragischen Ausweg. Nicht einmal die Wiedererlangung der physischen Gesundheit aufgrund der Heilung kann die Enttäuschung ausgleichen. Natürlich wussten wir das und haben den Patienten von Anfang an nach der eigentlichen Therapie sämtliche Methoden der psychologischen Rehabilitation zukommen lassen. Die besten Psychoanalytiker arbeiten mit ihnen. Bildlich gesprochen versuchen wir ihnen unsere reale Welt wieder schmackhaft zu machen. Aber das funktioniert leider nicht immer, wie es sollte. Sie kommen aus dieser Illusion zurück und wollen nicht mehr in der Wirklichkeit leben! Daher beschreiten wir seit kurzem einen neuen Weg. Wir haben uns dazu entschieden, während der Endphase des Heilungsprozesses einen Störfaktor in der Welt des Patienten zu installieren, welcher ihm die Unvollkommenheit seines Nirwanas aufzeigen soll, natürlich, in Abhängigkeit des Befindens und des psychischen Zustandes des Patienten. Das soll den Rückkehrschock abschwächen. Aber inwieweit das funktioniert, ist derzeit noch schwer zu beurteilen… Also, das Tsymbalyuk-Syndrom wurde zu einem Stolperstein und einem Paradoxon innerhalb des Rücklaufverbindungskonzepts. An dieser Stelle taucht jedoch eine völlig andere Frag auf“, der Forscher musterte die Journalisten mit einem eisigen Blick, „Können wir das Konzept überhaupt dafür verantwortlich machen? Oder sollten wir nicht ohnehin versuchen, die reale Welt in eine ideale und uns heilende Welt umzuwandeln? Nun? Warum schweigen Sie?“

Im Konferenzraum herrschte völlige Stille.

Auch der Mann in Schwarz schwieg. Was sollte er schon sagen? Dass die Ärzte nur die halbe Wahrheit über ihre Zone offengelegt hatten? Dass diese Zone von DORT aus gesehen ein Marsianisches Sanatoriumschutzgebiet an der Kapazitätsgrenze war und man dort schon bald im Notfallmodus arbeiten würde? Dass man dort physisch einfach nicht in der Lage war, die gesamte vergangene Menschheit zu heilen, und dass man es aufgrund Verbotsgesetze betreffend Eingriffe in den Geschichtsverlauf auch nicht tun durfte?

Das hatte DORT, bei ihm, bereits zu einer äußerst tiefen Krise in den Beziehungen mit der Erde geführt, und die Streitkräfte der Interplanetaren Allianz würden bald eine Invasion des Mars vornehmen.

Er schwieg.

Schlussendlich hatte sich die Menschheit daran gewöhnt, auf Kosten ihrer Nachfahren zu leben.

 

*     *     *

…Maxim lag auf dem riesigen Doppelbett im Schlafzimmer und schaute durch die Decke hinauf. Dort sah er den blauen Himmel, der allmählich dunkler wurde, während leuchtende Sterne nach und nach auftauchten. Am Mars baute man, immer noch wie früher, nur kapselförmige Dächer, aber nicht mehr aus dem Material von Raumschiffverkleidungen, sondern schon aus einem glasfaserverstärktem Kunststoff. Aber weder der Himmel noch die Sterne interessierten Maxim in diesen Moment.

Familie Somov hatte angerufen. Mit Anteilnahme. Sie versuchten ihn zu beruhigen, aber es gelang ihnen nicht wirklich: sie sorgten sich auch. Sie erzählten, dass sie irgendeine Lösung des „Eichhörnchenproblems“ gefunden hätten. Ein sehr einfache. Maxim hatte nicht wirklich zugehört. Er hatte sich nicht auf das Gespräch konzentrieren können.

Aber das war ihm jetzt auch nicht wichtig.

In einem Augenblick hatte alles seinen Sinn verloren.

Maxim war schon eine Woche neben der Spur. Dauernd kreisten seine Gedanken um das letzte Gespräch mit Sabina.

„Das ist doch bloß eine Dienstreise nach Ganymed, Liebling“, sagte sie beim Einpacken, „Zwei Wochen sind in der Liebe doch keine Ewigkeit. Du wirst es gar nicht bemerken…“

Und dann noch der Abschiedskuss…

Jetzt war sie schon die vierte Woche weg. Vor neun Tagen hatte sie auf dem Weg nachhause von einem Raumschiff aus angerufen. Seitdem kein Mucks. Auch in ihrem Ministerium war man beunruhigt: man konnte sich keinen Reim darauf machen.

Draußen toste der Ozean – der Wind war etwas stärker geworden. Phobos lag neben dem Bett. Der riesige Hund winselte jämmerlich. Ptolemäus werkte in der Küche. Und das war´s…

Das war´s.

Maxim ballte die Fäuste.

Plötzlich tönte der Wand-Videochat. Man konnte es kaum mit freiem Auge erkennen, so schnell fanden sich der Mann und der Hund vor dem Monitor wieder. Auf dem Bildschirm tauchte… das erschöpfte, jedoch konzentrierte Gesicht Sabinas auf. Allem Anschein nach zu urteilen, befand sie sich in einer Schwerelosigkeit.

„Sabi? Liebling!… Sabina!“, brüllte Maxim.

Aber sie hörte ihn nicht. Die junge Frau versuchte ruhig und deutlich zu sprechen, aber ihre Stimme stockte:

„Hier spricht Flug Merkur-58! Wenn mich jemand hört, helfen Sie bitte! Wir sind auf dem Rückflug Jupiter-Mars mit einem Meteoriten kollidiert… einem großem. Alle sind tot, außer mir… Das Schiff hat ein Leck. Luft gibt es nur noch in der Kommandobrücke… der Sauerstoff reicht noch für etwa zehn Stunde, keinesfalls länger… Wenn Sie das Signal hören, kommen Sie…! Ich befinde mich irgendwo im Gebiet von Ceres. Hilfe! Helfen Sie, wenn Sie mich hören…!“

„Sabina! Hörst du mich?! Sabina!!!“, schrie Maxim, aber sie hörte ihn nicht. Offenbar funktionierte der Funk nur einseitig.

„Helfen Sie mir, wenn Sie mich hören! Flug Merkur-58! Wenn mich irgendjemand….“

An dieser Stelle brach die Verbindung ab. Das Bild stockte und ihr Gesicht blieb am Monitor stehen.

Phobos begann ihr Bild abzulecken.

Innerhalb einer halben Stunde war Maxim schon im Raumhafen. Nach weiteren vier Stunden stieß er zur Rettungs- und Suchmannschaft hinzu. Fünf Minuten darauf saß er bereits in einem Gravitationsausgleichssessel des Rettungsschiffs.

„Zehn, neun, acht…“, der Countdown lief.

„Halte durch, Sabinchen“, flüsterte Maxim, „Ich komme schon! Halte durch!“

„Vier, drei, zwei, eins…“

 

      Epilog

Aber das Wunder gelang…

287 Mal. Für den einen war es ein „Wunder“, aber für den anderen… ein zuverlässiges, das heißt, ein verständliches und mehrfach reproduzierbares wissenschaftliches Ergebnis… Es war einfach Arbeit.

Routine…

Ich stand vor dem Professor. Hinter mir schillerte der lila Tunnel und zu meinen Füßen lag der zwecklos gewordene Antigravitationssessel. In meinem gesamten Körper fühlte ich etwas, dass ich noch niemals zuvor in meinem Leben gefühlt hatte: Kraft.

Seljoniy sagte seinen Lieblingssatz:

„Hallo, Maxim, mein Junge. Jetzt bist du auch gesund!“

„Iwan Dmitrijewitsch“, fragte ich mit zitternder Stimme (sie zitterte aber nicht aufgrund irgendeiner Krankheit, sondern vor Aufregung), „dort“, ich deutete auf den Tunnel, „war dort irgendetwas echt?“

Der Professor lächelte und machte einen Schritt zur Seite. In einer Tür mit der Aufschrift „Portalvorraum“ standen eine junge Frau und ein riesiger schwarzer Hund.

„Sabina…!“, entfuhr mir ein Schrei, „Das heißt… das heißt, Sie…?

Der Hollywoodstar kam zu mir herüber und umarmte mich innig. Sie hatte Tränen in den Augen.

Echte Tränen.

 


 

23. September 2004 (Mykolajiw) – 9. November 2009 (Wien)

Übersetzung Jänner 2015 (Wien) von Johannes Haselsteiner

     Bilder von:
Ljubov Nikolaeva,
Ida Räther.

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Vyacheslav Chubenko

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DANKE!!!

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