Gesprächspartner existiert derzeit nicht

oder

Besonderheiten einer Verbindung der interstellaren Art

Ida Raithr-Ill gesprechpartner

       Prolog

„Ich bin ein Vertreter einer fremden Zivilisation und ich bin von den Sternen hierher geflogen, um auf der Erde politisches Asyl zu beantragen!“, empörte sich der irre Mann ungewöhnlich heftig. Wieder so ein verrückter Ausländer, allem Anschein nach aus Kasachstan. Oder vielleicht aus China… „Und? Was habe ich nun stattdessen nach zehn Jahren Warten bekommen? Gefängnis? Irrenanstalt? Ich bin doch ein Außerirdischer!“

“Passt schon. Beruhigen Sie sich!  Alles wird gut!“, sagte der Notarzt und spritze diesem  ‚UFO-Fahrer‘ ein paar Kubik eines Beruhigungsmittel, „Es gibt keinen Grund zur Aufregung. Es ist schon alles gut…“

Doch selbst der Arzt dachte schmunzelnd nach: „Man muss doch, mein Schatz, zwischen Tourismus und Emigration unterscheiden. Sogar, wenn du ein ‚Außerirdischer‘ bist.“

Selbstverständlich ging es da nicht um einen Vertreter außerirdischer Intelligenz… Seiner eigenen Geschichte nach zu urteilen, die er erzählt hatte und die von den für politisches Asyl zuständigen Behörden, dokumentiert worden war: Anfangs, vor zehn Jahren sagte dieser „Migrant“ immer, er komme aus Israel.

Fünf Jahre später stellte es sich dann heraus, dass er in Israel lediglich auf die Erde abgesetzt worden war.

Nun, nach dem Gesicht zu urteilen…

1. Teil. Irgendetwas stimmt mit ihrer Verbindung nicht

„Können wir nicht einfach kurz auf irgendeinem zentralen Platz irgendeiner ihrer Hauptstädte aussteigen?“, schlug der Bordingenieur in einer, für ihn typischen Einfachheit vor.

„Aha“, erwiderte der Experte für außerlanijanische Zivilisationen, „und dabei einfach das Ende der Welt herbeirufen.“

Der Kommandant der Expedition schaute wehmütig durch die riesige Panoramaluke des Speisesaals. Dort, mit dem Hintergrund von tausenden von Sternen, stellte sich ein blauer Planet majestätisch zur Schau. Der Planet ähnelte dem Heimatplaneten Lanija, welcher sich tausend Lichtjahre entfernt befand. Die mühselige und verzweifelte Suche trug, trotz des ständigen Wunsches, nach Hause zurückzukehren, schlussendlich Früchte – eine fremde Zivilisation wurde in den Weiten des Kosmos entdeckt und sie war für eine Kontaktaufnahme durchaus gut entwickelt. Dies war schon der erste große Erfolg. Sie waren nicht alleine im Universum, was nun deutlich nachgewiesen war. Jetzt lag es nur noch an Kleinigkeiten, den Kontakt herzustellen.

Aber an dieser Stelle fingen schon die nächsten Probleme an und es wurde klar, dass es sich um wirkliche Probleme handelte.

Denn es stellte sich heraus, dass SIE den Weltraum im Prinzip nicht hören, um künstliche Signale nachzuweisen. Überhaupt nicht!

„Ich habe den Eindruck, dass irgendetwas mit deren Verbindung nicht stimmt“, wiederholte der Funker ständig. „Funker“, so nannte man traditionell den Experten für Allwellenverbindung. „Man könnte sagen: Der Gesprächspartner existiert derzeit nicht!“, ergänzte er mit einem betrübten Lächeln.

Natürlich funktionierten alle ihre Radioteleskope und sonstigen Empfangsgeräte einwandfrei, darunter auch jene auf den Weltraumstationen. Nach wie vor wurden Milliarden Kilobits an Informationen in den Himmel geschickt und empfangen, aber es gab niemanden, der die Informationen durch irgendeine Methode auf Plausibilität hin überprüfen konnte.

Alle, mit denen man in Kontakt hätte treten können, untersuchten aufopferungsvoll das natürliche Universum. Es gab zwei Möglichkeiten: Entweder wurden sie auf den Suchen nach außerirdischer Intelligenz endgültig enttäuscht, wie es auf Lanija passiert war, oder die Finanzierung ähnlicher Programme wurde gestrichen; was einem ebenso bekannt vorkam. Wahrscheinlich traf sowohl das eine wie auch das andere zu.

So kam es, dass das Forschungsschiff „Barnakass-4“ schon etwa zwei Monate ergebnislos in der Umlaufbahn eines Planeten umherkreiste, der von seinen Bewohnern „Erde“ genannt wird.

Sie taten dies weit genug, damit sie nicht entdeckt wurden, aber nah genug, um die  Lebewesen dieser Welt und ihre Schönheit besser zu verstehen. Die Besatzung war sich unschlüssig.

Natürlich hätte man landen und dann wie ein Blitz aus heiterem Himmel auftauchen können. Aber durch völlig missverständliche Reaktionen und eine dumme interplanetare Hysterie käme es folglich zu einer bedrohlichen gesellschaftlichen Katastrophe. Bezüglich interstellarer Kontakte, stellte es sich daher heraus, dass die Einhaltung einer psychologischen Quarantäne ebenso wichtig ist wie die einer gewöhnlichen. Im Raumfahrtzentrum scherzte man: „Wir brauchen Brüder im Geiste und keine Patienten“. Man musste die Zivilisation auf den Kontakt vorbereiten. Zunächst aus der Entfernung und dabei, Kosmos bewahre, mit der Presse und den Politikern in Kontakt treten.

Man musste irgendjemanden finden, der von der Bevölkerung und der Politik weit genug entfernt war. Und das waren im Grunde nur die Wissenschaftler, aber keiner von ihnen suchte nach Außerirdischen. Nun ja, so war die Situation…

Der Kommandant riss sich vom Bullauge los.

„Also gut“, sagte er, „Ich sehe keinen anderen Ausweg, als einen Agenten zu schicken.“

Die, im Speiseraum Anwesenden, begannen schulterzuckend und unsicher zu nicken.

„Aber was ist mit den physiologischen Unterschieden?“, warf der Kosmosbiologe ein, während seine Haut eine blass-gelben Färbung annahm, „und unsere Kompatibilität hinsichtlich von Infektionsgefahren ist noch nicht abschließend untersucht worden…“

„Ich denke, dass das Risiko nicht allzu hoch ist, besonders, wenn man bedenkt, was auf dem Spiel steht und dank der Sonden ist unseren „Maskenbildnern“ ihre Physiologie schon hinreichend bekannt. Sie unterscheidet sich abgesehen von Details übrigens nicht allzu sehr von der unsrigen. Details, wie zum Beispiel unsere Fähigkeit, die Farbe zu ändern. Und was die Infektionsgefahr betrifft, wurden wir ausreichend geimpft und von unserer Seite droht ihnen überhaupt keine Gefahr. Wir sind weitgehend steril. Es ist wirklich sinnlos, noch weiter zu zögern! Wir müssen handeln!“

“Aber wen schicken wir?“ Die Expeditionsteilnehmer begannen Blicke auszutauschen.

“Denjenigen, der mit dieser Aufgabe am natürlichsten zurechtkommen wird“, verkündete der Kommandant geheimnisvoll, während sich seine Finger hell-violett verfärbten, ein Zeichen außerordentlicher Beunruhigung.

*      *      *

Es dämmerte. Zwei Astronomen sahen Dzhejm und einem Jugendlichen, der hinter ihm ging, nach.

„Unglaublich“, sagte einer von ihnen und hob seine Brauen ausdrucksstark, „unglaublich, wie wir diesen, mit allem Respekt, tiefgründigen Gelehrten immer noch ertragen. Er beansprucht die ganze Zeit am „50-Zoll-Durchmesser“. Was für vernünftige Signale können zum Teufel, von X-1 Schwan herkommen? Dort machen sich doch nur Millionen Tonnen von Stoffen auf den Weg zu einem schwarzen Loch – oder was es dort noch gibt – und dabei geben sie noch eine extrem starke Strahlung ab, aber sonst nichts. Nur ein “Vollkoffer“ kann versuchen, diese Signale zu dechiffrieren. Gut, er führt das zusätzlich zu seiner eigentlichen Arbeit aus“, der Astronom fuchtelte gleichgültig mit der Hand. „Den Jungen hat er auch noch angeschleppt, der Herr Lehrer“.

„Hast du vielleicht was gegen Kinder im Observatorium?“, fragte sein Kollege spöttisch.

„Überhaupt nicht, nein. Aber weißt du, der Sittenverfall der Jugend ist schon ein Fall für die Justiz.“

Die Wissenschaftler lachten kurz auf und widmeten sich dann wieder ihrer Arbeit.

… Dzhejms Vater wollte, dass der Sohn Installateur hätte werden sollen. Dzhejms Mutter wollte, dass der Sohn Pfarrer hätte werden sollen. Dzhejm wurde Astronom, ein Erforscher des kosmischen Raums. In diese Gedanken versunken, traf Dzhejm beim Tor des Observatoriums auf diesen zirka dreizehnjährigen Burschen, der neugierig durch den Zaun blickte. Durch sein Wissen unterschied sich der Junge angenehm von den gewöhnlichen Gaffern und der Wissenschaftler erlaubte ihm daher, mit ihm in den Teleskopturm zu kommen.

Interessiert betrachtete der Junge das in den Himmel gerichtete Rohr und die verschiedensten Hilfsapparaturen, die entlang der runden Wand herumstanden.

„Also, mach´ es dir hier inzwischen gemütlich“, sagte Dzhejm, „Berühr´ aber bloß nichts! Ich bereite mich für die Beobachtung vor.“

„Und was beobachten sie?“, fragte der Junge und verfolgte dabei die virtuosen Handgriffe des Astronomen bei den Vorbereitungen des Teleskops. Das Heben der massiven Verschlusskappe des Teleskoprohrs, das Öffnen der Kuppel und das Starten und Überprüfen der Apparatur.

 „So ein interessantes Objekt“ antwortete Dzhejm ohne sich bei der Arbeit stören zu lassen, „mit dem Codenamen `Schwan X-1´. Die Hauptinformation über ihn kommt von einem Raumteleskop, weil die Atmosphäre das Interessanteste seiner Röntgenstrahlung nicht durchlässt. Aber dieses Objekt besitzt noch eine optische Komponente – ein schwaches Sternchen, welches trotzdem durch unsere Atmosphäre durchscheint. Und wir hier verfolgen diesen Stern und arbeiten nach dem Programm dieses Umlaufteleskops.

Wir vergleichen einfach die Position dieses kleinen Sterns am Himmel mit der Position, die vom Teleskop im Kosmos ermittelt wird. Aber das ist natürlich nur eine Verallgemeinerung und Vereinfachung unseres Programms, denn es gibt noch weitere Feinheiten. Außer unserer Sternwarte sind in diesem Programm noch drei weitere im Einsatz. Übrigens, das Sternchen ist im sichtbaren Licht genauso wie seine Röntgenstrahlung veränderlich, also seine Helligkeit ändert sich.

„Ich bin mir bewusst, was veränderlich bedeutet“, versicherte der junge Gast.

„Ach ja, junger Mann, Sie wissen doch alles!“, erinnerte sich der Astronom, „wie heißt du übrigens?“

„Peter“.

„Peter“, wiederholte Dzhejm, „wie erhaben. Und ich heiße Dzhejm Sams.“

Schließlich sah er den Jungen prüfend an und lächelte. Wie trügerisch ist das Äußere eines Menschen und wie sehr entspricht es manchmal so überhaupt nicht seinem intellektuellen Potenzial. Der Junge war ziemlich hochgewachsen und hatte ein rundes, rotbäckiges Gesicht, riesige hellblaue Augen und eine Stupsnase und Locken, die irgendwie zu weiß waren. Allerdings passte seine Kleidung, gelinde gesagt, weder zu seinen geistigen Fähigkeiten, noch zu seinem derzeitigen Aufenthaltsort.

Unter dem bunten Hemd, das drei Nummern zu groß war und auf dem das Bild einer bekannten Rockgruppe war, sah man eine schwarze Lederhose mit zahlreichen Reißverschlüssen, die bei hohen Bikerstiefeln endete. Diese Komposition wurde abgerundet durch einen Ohrring und eine dunkle lila Lederweste, die er offen trug und an der zahlreiche Ketten hingen. Kurz gesagt, der letzte Schrei der Jugendmode war anwesend. Der Junge betrachtete sich plötzlich selbst. „Ja, ich habe wohl heute etwas übertrieben“, dachte er, „es sollte wohl weniger sein.“

„Also, Peter“, fuhr Dzhejm monoton fort, „dieser Stern ist deshalb veränderlich, weil…“

„Er sich in Richtung eines unsichtbaren Satelliten erstreckt “, setzte der Gast fort, „und er dreht sich im Verlaufe seiner Bewegung auf der Umlaufbahn von verschieden Seiten zu uns: der ellipsoidische Effekt!“

„Oh! Ich schweige schon“, lachte der Astronom auf, „Offensichtlich weißt du genauso viel wie ich! Hör´ mal, bist du leicht ein Wunderkind, Freundchen?“

Peter zögerte.

„Nein“, sagte der Junge scheinbar unsicher, „ich… interessiere mich einfach. Ich habe eine Vier in Mathematik!“, ergänzte er plötzlich.

Die letzte Aussage kam sogar für ihn überraschend.

Langsam öffnete sich ein Teil der riesigen Kuppel, das Licht im Pavillon erlosch und über ihren Köpfen leuchteten Myriaden von Sternen auf.

„Also“, fasste Dzhejm zusammen, „wie du schon offensichtlich bemerkt hast, handelte es sich hier im Falle von „Schwan X-1“ um ein Doppelsystem, bestehend aus einem normalen, sichtbaren Stern, so wird die optische Komponente dieses Systems genannt und aus einem nicht sichtbaren Satelliten, dem Kompaktobjekt. Natürlich stellt eine sorgfältige Beobachtung der Veränderlichkeit dieses Sterns zur Präzisierung der kleinsten Details ihrer Veränderlichkeit auch einen Teil unserer Aufgaben dar. Und jetzt werden wir uns auf ihn ausrichten… so… und im Verlauf von vier Stunden werden wir alle 10 Sekunden sein Spektrum und die Magnitude registrieren. Wenn ich bedenke, was ich von dir gehört habe, bin ich überzeugt, dass du dieses unregelmäßige Kreuz erkennst, das sich fast am Zenit befindet.“

Dzhejm ließ die Verlegenheit und das unsichere Nicken des Jungen außer Acht, der das stellare Kreuz genau betrachtete. Gerade mit den hiesigen Sternbildern war dieser nur oberflächlich vertraut.

„Ja, ja“, fuhr der Astronom fort, „das ist der Schwan. Er befindet sich praktisch zur Gänze auf der Milchstraße, wo die Dichte der Sterne, solcher wie der optische Begleiter des X-1, hundert pro Quadratminute erreicht. Ohne exakte Koordinaten ist er kaum zu finden“.

Der Astronom lief mit seinen Fingern über die Tastatur des Computers, der sich in der Pultkabine befand und von dem aus das Teleskop gesteuert wurde. Der riesige Koloss richtete sich mit einem sanften Knurren beinahe bis zum Zenit zum gewünschten Punkt am Himmel aus. Die im Teleskop eingebauten Spektrometer und die PSC-Matrizen erwachten, fingen an, Daten aufzunehmen und erweckten auch die aufzeichnende Apparatur zum Leben.

 „Voilà“, resümierte Dzhejm, ließ sich in den Sessel fallen und atmete tief durch.

„Darf man in das Okular schauen?“, fragte Peter plötzlich, obwohl er die Antwort bereits wusste.

„In das Okular?“, Dzhejm dachte für einen Moment nach, „Weißt du, dafür müsste man die gesamte Technik, die mit dem Teleskop zusammenhängt, abschalten und eigentlich dieses Okular einsetzen. Eigentlich führen Astronomen keine visuellen Beobachtungen mehr durch, denn es gibt Geräte, die viel genauer arbeiten als das Auge. Von außen erscheint das alles immer sehr romantisch. Nun gut, dir zuliebe erkläre ich mich bereit, ein paar kostbare Minuten zu opfern. Während ich das Okular suche, kannst du hier durch diesen Sucher schauen.“

Der Blick durch das kleine, parallel zum Hauptteleskop befestigte Rohr war natürlich sehr eindrucksvoll, aber das, was man durch das Okular des 50-Zoll-Durchmesser-Teleskops sehen konnte, war einfach überwältigend! Das runde Sichtfeld war überhäuft mit zehn- oder hunderttausenden Sternen, die sich in der Milchstraße tummelten. Durch eine Verringerung der Helligkeit wuchs ihre Zahl exponentiell an und die Sterne flossen an der Grenze zur Sichtbarkeit zu einem großen Milchschleier zusammen, der immer wieder durch kohlschwarze Flecken zerrissen wird. Das sind Wolken aus dem Interstellarstaub, die das Licht ferner Sterne nicht durchlassen.

Zugleich war der Bildhintergrund dunkel genug und daher hob sich das Objekt „Schwan X-1“, genauer gesagt, dessen optische Komponente, deutlich von dem Milchschleier ab, weil sie sich genau im Zentrum befand und von tausenden Sternen umgeben wurde.

Später war das Teleskop noch auf ein paar andere Objekte gerichtet – auf Sternhaufen, Nebel, Galaxien und sogar auf einen Planeten. Von der Sonne aus betrachtet war es der vierte und Dzhejm nannte ihn Mars.

Und obwohl Peter sich bereits mehrmals an solchen kosmischen Schönheiten geweidet hat, bezauberte ihn ihr Anblick durch die großen Teleskope jedes Mal.

„Eigentlich ist die Arbeit mit X-1 ziemlich monoton und uninteressant“, sagte Dzhejm und übergab die ausgeschalteten Gerätschaften erneut ihren Bestimmungen, „Viel aufregender wird es dann bei der Verarbeitung der gewonnenen Informationen, sobald du reale Fakten erhalten und Schlussfolgerungen daraus ziehen kannst. Man könnte dabei auch eine Entdeckung machen, insbesondere, wenn du schon eine Hypothese hast.

Ich denke, zum Beispiel, dass die Röntgenimpulse von X-1 auf eine besondere Weise geregelt sind.“

„Wie?“

 „Zumindest manchmal.  Ich habe sogar schon ein spezielles Programm zum Dechiffrieren dieser Impulse geschrieben. Es ist bei mir zuhause am Computer. Komm, schau mal her.“

Er rollte mit seinem Sessel zum Tisch und zeigte auf dem Computermonitor etwas, was an ein Enzephalogramm eines Neurasthenikers erinnerte.

„Das hier sind die Aufnahmen von Röntgen-Glanz oder Röntgenhelligkeit der Quelle Cygnus X-1 – hier, am unteren Rand des Bildes, siehst du ,Cyg X-1‘. Diese Helligkeit ist sehr instabil und innerhalb weniger Sekunden geht sie in nahegelegene beinahe vertikale Linien unterschiedlicher Längen über. Das sind dann die sogenannten Röntgenblitze. Natürlich kann es nichts Anderes als das Resultat einer riesigen Massenreduktion sein, höchstwahrscheinlich aufgrund eines Schwarzen Loches. Nun, aus der Nähe muss das so aussehen: Ein riesiger hellblauer unförmiger Stern, eine Seite ist einem Satelliten zugewandt und aufgrund der Reradiation des mächtigen Stroms aus Röntgenstrahlung, die vom Schwarzen Loch ausgeht, schaut sie heller aus als die andere. Dieser Strom entsteht durch den gewaltigen Masseverlust des Sterns, der unbemerkt durch das Massezentrum des Systems jede Sekunde Milliarden Tonnen von seinen Stoffen zum Loch transportiert.

Erst später, näher am Loch, wenn sich diese Stoffe kreisförmig ansammeln, werden sie sichtbar, erhitzen sich stark, glühen und versinken als wirbelnde Spiralen im Schwarzen Loch und beschleunigen dabei fast auf Lichtgeschwindigkeit. Das ist einer der imposantesten Anblicke im gesamten Universum!“

Dzhejm hatte keine Ahnung, wie gut sein Besucher sich das vorstellen konnte.

„Allerdings“, fuhr der Astronom fort, „niemand kann sagen oder behaupten, dass irgendeine hochentwickelte Zivilisation die Röntgenstrahlung durch das Aufstellen eigener Filteranlagen nicht verändern könnte.

Meiner Ansicht nach, stellt das einen sehr effektiven Weg der Datenübertragung dar, denn eine so starke Strahlung ist praktisch in der Lage, das ganze Universum zu durchqueren. Künstliche Signale kann man damit nicht vergleichen. Sie versinken einfach. Zumindest kennen wir momentan keine effektivere Methode. Eigentlich ist es gar nicht meine Idee. Derartige Gedanken entstanden schon vor langem, doch nach dem Misserfolg des Programms SETI, verlor die Suche nach außerirdischem Leben an Bedeutung. Nun, aber ich habe mich dazu entschlossen, auf diesem Gebiet zu forschen. Offen gesagt, bin ich ihm einfach verfallen. Wenn ich diese Röntgenstrahlen durch meinen Computer und durch mein Programm schicke, erscheinen plötzlich Buchstaben auf dem Display und manchmal sogar Wörter! Beispielsweise „Hey“! Ich denke, das kosmische Signal ist gut genug. Und ein paar Mal habe ich sogar so etwas wie „SOS“ aufgezeichnet. Das ist schon alarmierend. Natürlich gibt es manche, die argumentieren, dass…“

„Und wie ist das mit der Sprache?“, fragte der Junge verwirrt.

„Die Sprache? Ah so. Die Sache ist so, dass es in meinem Programm einen logischen Sprachblock gibt. Er wandelt die empfangenen Symbole in Laute und Wörter unserer Sprache um, die von der Bedeutung her unseren Begriffen logisch gesehen am nächsten kommen. Schlussendlich muss jeder, der Signale in den Weltraum schickt, Begrifflichkeiten verwenden, die für das gesamte Universum gelten. Und das ist nicht nur mein Standpunkt.“

Dzhejm drehte sich zum Teleskop hin, um dessen Ausrichtung und die Geräte zu kontrollieren. Dabei sprach er weiter:

„Selbstverständlich denken manche, dass ich mir mein Programm aus den Fingern gesogen habe und mich einfach nur blöd stelle. Aber Skeptiker interessieren mich nicht. Ich hoffe und ich glaube, dass ich früher oder später einen sinnhaften Text erhalten werden.“

 „Könnten sie mir ihr Programm nicht noch ausführlicher erklären?“, erkundigte sich der junge Gast rasch.

„Mein Programm?“, wunderte sich der Astronom enthusiastisch, „Natürlich, sehr gerne. Endlich habe ich einen Gleichgesinnten.“

*     *     *

Der Kommandant saß in einem gemütlichen Sessel in seiner Kabine und überprüfte die umfangreichen Aufnahmen der Erde. Die Städte, die Menschenmengen, die Kraftwerke. Ja, es gab eine gewisse Ähnlichkeit mit Lanija, obwohl sie sich im Entwicklungsweg grundsätzlich unterschieden.  Die unkontrollierbare Hautänderung der Lanijaner führte dazu, dass das Lügen auf Lanija im Prinzip unmöglich war. Es sei denn, man griff zu speziellen Beratern oder Hilfsmitteln. Infolgedessen, unterschied sich auf Lanija vieles grundsätzlich von der Erde. Zum Beispiel die Politik. Auf Lanija war sie bekannterweise „die sauberste Sache der Welt“. Die Erdlinge haben, was Politik betrifft, ein komplett anderes Sprichwort. Und wahrscheinlich hatten sie auch recht. Denn auf Lanija gab es Spezialisten, die „Maskenbildner“, die überaus talentiert darin waren, Lügen zu verbergen. Und sie zählten zu der wohlhabendsten Gesellschaftsschicht.

Aber wie dem auch sei, der Kontakt wird für beide Zivilisationen ein historischer Moment sein. Der Agent arbeitete mittlerweile schon vier Monate auf dem Planeten. Obwohl  er detaillierte Informationen gesammelt hatte, wurde bisher noch nichts Definitives erreicht. Der Kommandant lächelte. Es schien wie ein interessantes Spiel für dieses Kind, ein bloßer Zeitvertreib. Plötzlich erschien die Holographie des erfreuten Funkers in der Gegensprechanlage:

„Kommandant, offensichtlich haben wir etwas gefunden! Es gibt einen Astronomen, der „intelligente Signale“ sucht. Scheinbar ist er der Einzige auf dem ganzen Planeten. Ich mache mich unverzüglich auf den Weg.“

 „Die harte Strahlungsquelle KZR-439?“, der Expeditionsleiter zog eine Braue hoch, als ihm der Funker den Bericht des Agenten vorspielten, „Sonst gibt es dort nichts! Ich meine, niemanden.“

 „Ja. Sie nennen ihn ‚Cygnus X-1‘. Aber wir können uns an sein Signal anpassen.

„Dann tun Sie es doch. Ach, und Lon“ , rief er dem Funker nach, als er schon bei der Tür war, „berücksichtigen Sie sein Dekodierungsprogramm soweit wie möglich.“

Der Funker wurde blass-orange, was heißen sollte:  Machen Sie sich darüber keine Sorgen!

Eine halbe Schiffsstunde später schickte die Barnakass-4 Unmengen an Mikrosonden aus ihrem sphärischen Geräteraum in den Kosmos hinaus.

Deren Flugbahn war derartig konfiguriert, dass sie auf eine sehr bestimmte feinfühlige Weise die harte Strahlungsquelle von Cygnus X-1 filtern konnten. Die Strahlung befand sich auf dem Weg zu einem Weltraumteleskop der Erdbewohner.

*     *     *

Dzhejms Aussehen wirkte zerknittert. Er rieb sich die Augen und setzte sich an den Computer.

Eine Müdigkeit übermannte ihn, die ihn daran hinderte, die neuen Röntgenaufnahmen noch in der Nacht zu überprüfen. Und dann, als Dzhejm sein Programm gestartet hatte und es die Aufnahmen entzifferte, brauchte er seinen Mittagskaffee nicht mehr, um absolut wach zu sein. Auf dem Bildschirm war ein sinnvoller Text erschienen:

„Erdenbürger! Sei gegrüßt von der Zivilisation Lamija vom Planeten Lanija, der die gelb-orange Sonne Gerdsar umkreist und 1009 Lichtjahre von euch entfernt ist! Unser Schiff befindet sich bereits in der Erdumlaufbahn. Für den Erhalt weiterer Informationen und zur Aufrechterhaltung der zweiseitigen Verbindung, stellt euer Radioteleskop auf folgende äquatorialen Koordinaten der aktuelle Epoche ein: RA: 03h40m00s, Dez.: 01°10’00“.

Ein Sonderanliegen: Gehen Sie noch nicht an die Öffentlichkeit!“

Seine pseudowissenschaftliche Euphorie war jedoch nur von kurzer Dauer und wandelte sich rasch in Ärger um. Was für ein Text! Sinnvoll, logisch, informativ, kein einziges unnötiges Wort und kein einziger Grammatikfehler.

Wenn doch zumindest ein Beistrich gefehlt hätte!

Dzhejm war empört: „Die Kollegen! Diese hochintelligenten Narren mit einem verkümmerten Sinn für Humor! Wann wird es ihnen endlich reichen, mich täuschen zu wollen! Na klar! Sie haben den Jungen geschickt. Ein talentierter Schauspieler. Uhhh, das Programm, uhhhh,  ausführlicher erklären! Denken die, dass ich jetzt hektisch den Präsidenten anrufen werde?“

Zur Beruhigung schaltete Dzhejm die Kaffeemaschine ein. Er legte seine Beine hoch und machte es sich mit der heißen Tasse in der Hand im Sessel bequem. „Vielleicht hatte Mama recht, ich hätte Priester werden sollen. Oder Installateur…“

 

2. Teil. Der Verbindungsagent

Der Kommandant des Forschungsschiffes Barnakass-4 lag schon zwei Stunden in seiner Kabine auf dem Sofa herum und starrte dabei ausdruckslos an die Decke. Dabei wechselte er wie ein Chamäleon von Blau zu Weiß zu Orange – dies war ein physiologischer Ausdruck seiner Gereiztheit und seiner Unruhe. Die Decke widersprach nicht. Sie schwieg und dafür war er ihr dankbar.

Ein neuer Tag, eine neue Lüge. Die Erdlinge waren einfach keine Lanijaner. Und dann ein Aufstand am Schiff. Und ein Aufstand der Wissenschaftsgemeinschaft ist doch keine Quatscherei irgendwelcher ungebildeter Rüpel, die einander aufs Maul hauen und sich durch Laserknüppel beruhigen lassen. Nein!

Diese können ihren Vorgesetzten abwählen und das völlig legal. Eine Amtsenthebung ohne Betrug und gemäß der Konstitution des Schiffes. Zum Schwarzen Loch einmal! Man könnte zum Beispiel auch einen Punkt aufnehmen, der die Sprengung dieses blauen Planeten umfasst. Der Kommandant lächelte:

„Was? Es ist ein gut anwendbares erstes interstellares Recht: Alle in ein Schwarzes Loch werfen, die nicht in Kontakt treten?  Braucht man denn solche im Universum?“….

Unsere Arbeit ist doch eine Nervensache – mit Gluonenreaktoren und mit einer sehr heuristischen Psychoanalyse der Außerlanijanischen.

 Das ist natürlich nur ein Scherz. Aber falls es ernst gemeint wäre… falls es ernst wäre, wäre es sogar noch witziger.

Aber irgendwie lacht niemand.

All die Jahre der selbstlosen Suche und dann, schließlich in den Tiefen des Universums wurde eine andere Zivilisation gefunden, die völlig bereit war. Die Rasse der Erdlinge. Bereit. Bereit für was? Noch genauer, wie bereit? Und noch genauer, in welchem Sinn bereit??? In einem alkoholisch-narkotischen Sinn? Keiner ist in irgendeinen Kontakt getreten! Nein, fliegende Untertassen fängt man sehr viele, aber man tritt nicht mit den Kontaktpersonen in Kontakt oder mit den Ufologen, die unweit von ihnen verschwunden sind. Lasst Psychiater mit ihnen Kontakt aufnehmen… Mit denen kann man sich noch ohne Arzt über kosmische Themen unterhalten, es kommen keine Zuwanderer vor, keine Teufel, keine Engel, keine grünen Männchen.

Die psychologische Quarantäne beim Kontakt mit fremden Zivilisationen ist nicht weniger wichtig als die gewöhnliche physische. Dies umfasst auch, nicht einfach gemäß  dem Motto „Ich bin dann mal hier!“ aufzutauchen. Es gibt eine Menge unangemessener Reaktionen. Zu Beginn ist es unabdingbar, mit Spezialisten in Kontakt zu treten, oder im äußersten Fall mit jenen Vertretern der Rasse, die moralisch ausreichend stabil sind. Dann bereitet man langsam die Öffentlichkeit darauf vor…

„Wir brauchen Brüder im Geiste und keine Patienten.“ Die im Raumfahrtzentrum haben leicht reden!

Daher hängt die Barnakass-4 schon seit einigen Jahren im erdnahen Orbit, um mit der Menschheit in Kontakt zu treten.

Irgendwie entgleitet alles oder es verwandelt sich in eine Anekdote, in der ein Astronom sechs Erdenjahre zuvor die Rationalität von Röntgenstrahlung überprüft hatte, die von Schwarzen Löchern ausging. Und als Außerirdische tatsächlich mit ihm in Kontakt treten wollten und sogar seine eigene Technik dafür verwendeten, hielt er das für einen Ulk seiner Kollegen.

Sie flogen auf den Mars.  Sie flogen auf die Venus. Gut, das war eine Extremaktion. Die Mannschaft wurde vom Heimweh ergriffen und Adrenalin, so wurde es auf der Erde genannt, war nötig. Es herrschten plus 490 Grad an der Oberfläche bei einer unpassierbaren säurehaltigen Atmosphäre und dauernden Vulkanausbrüchen und Erdbeben. Fantastisch! Auf dem natürlichen Begleiter der Erde, dem Mond begann man sich daran zu gewöhnen, damit die Leute nicht verrückt wurden.

Und der Verbindungsagent auf der Erde hätte schon fast geheiratet. Rechtzeitig ist er zur Vernunft gekommen. So ein Tölpel…

„Es kam eine Verbindung zustande, doch eine falsche“, dachte der Kommandant, „Für einen vollständigen Erfolg fehlte uns noch ein Blutmischling. Übermorgen kehrt er aufs Schiff zurück!  Für ihn wird das Adrenalin bedeuten. Es ist weiteres gut, das der physiologische Unterschied zwischen uns und ihnen sehr klein ist. Und dank unserer Maskenbildner sind sie absolut unauffällig. Auch für die Bräute. Natürlich nur, wenn die Braut keine Ärztin ist. Wir bauen noch eine Mondstation für die kommenden Expeditionen und dann ab nach Hause. Und mit diesen Erdlingen müssen andere Spezies in Kontakt treten, die die Psychologie dieser Fremden besser verstehen. Wir müssen von hier wegfliegen. Die Mannschaft ist demoralisiert…“.

„Musik!“, sprach er und aus dem Audiosystems seiner Kabine strömte Hardrock einer bekannten deutschen Rockgruppe.

*     *     *

 „Junger Mann, darf ich Sie etwas fragen? Wie stehen Sie zu Gott?“

Ein magerer, hochgewachsen Typ mit rundem Gesicht stand in der Allee der Grünanlage vor Oleg. Er trug einen dreiteiligen Anzug und eine teure Sonnenbrille mit weißen Rändern, die etwas unmoralisch aussah.

„Ich habe keine besondere Beziehung zu ihm“,  antworte Oleg schnippisch und bewegte sich direkt auf den Kerl zu, der ihm den Weg blockierte. Er trat zur Seite, um ihn durchzulassen, aber setze das Gespräch dennoch fort.

„Ungeachtet dessen?“

„Nimm deine Brille ab“, sagte Oleg plötzlich. Er nahm sie ab und zeigte seine riesigen, blauen, nachdenklichen Augen, „Hör mal Kumpel, ich komme jetzt von der regionalen Ärztekammer, die im Sinne des Gesetzes entschieden hat, dass ich den elektrischen Rollstuhl, in dem ich gerade sitze, nicht lenken darf. (Dieser Sinn ist offensichtlich schon lange tot).

Sie sagen, meine Arme seien zu schlecht. Aber das ist doch das einzige Transportmittel, in dem ich mich körperlich vollständig fühle, wenn ich es benutze. Was deine Frage betrifft, kann ich sehr ausführlich darauf antworten oder es auch sehr kurz halten. Du und dein Gott. Und in diesem Moment verneige ich mich vor dem zweiten“.

Der Kerl lächelte. Er streckte Oleg seine Hand entgegen.

„Ich heiße Peter.“

„Ich hoffe, nicht der Heilige. Freut mich. Jetzt muss ich aber los.“

Und ohne Händeschütteln fuhr Oleg weiter. Er lenkte seinen Rollstuhl mit einem Joystick. Peter sah ihm eine Weile hinterher. Dann drückte er seine Finger ins Ohr und sagte:

„Barkanass. Hier spricht Verbindungsagent. Offenbar tut sich hier etwas bei mir. Ich werde mich anstrengen, dass es nicht scheitert. Geben Sie mir zwei, drei Tage. Was? Bis übermorgen? Na gut.“

Er stand an der Kante des Flachdaches eines neunstöckigen Hauses. Er schaute hinunter. Unten war die nächtliche Herbststadt. Ein zweiter Sternenhimmel.

Und ein viel leuchtenderer.

Aber aus dieser Höhe leuchtete auch der wirkliche Sternenhimmel geduldig. Man konnte viele kosmischen Objekte beobachten, die man vom Gehsteig aus nicht sah, denn fast alles ertrank in dem allgegenwärtigen elektrischem Licht und der Horizont war beinahe offen. Plötzlich spürte er hinten einen heftigen Ruck von der Kante. Aber weil die Bremse aktiviert war, schleuderte der Rollstuhl entlang der Betondecke.

 „Woran hast du gedacht?“, tönte eine bekannte Stimme, „Wirst du es dir überlegen, Oleg?“

„Ja, ich habe hier beobachtet, verdammt noch mal!“, sagte Oleg, als er endlich verstand, was vor sich ging und wer ihn da am Dach umhertrug. „Die Sterne. Und worüber hast du nachgedacht? Hast du das Teleskop beim Dacheingang nicht bemerkt?  So ein Rohr auf einem Stativ. Hätte ich es mitgebracht, wenn ich mich dazu entschlossen hätte…?“

„Und was machst du hier an der Kante?“, fragte Peter.

„Pause. Das mach´ ich! Ich wollte herfahren und ein bisschen umherschauen.“

 „Umherschauen! Und was ist bei einem Windstoß?“

„Was für ein Windstoß? Tornados, oder wie?  Hier gibt’s eine Bremse.“

„Eine Bremse… Na gut. Gehen wir. Obwohl du mich erschreckt hast. Du sagst, du beobachtest etwas? Und was?“, sie gingen zum Teleskop, „Du kannst mich übrigens einfach Pit nennen.“

„Und warum bist du eigentlich hier? Pit, ich habe dir meinen Namen nicht gesagt…“

„Ich arbeite.“

„Also habe ich auch einen Schutzengel.“

„Schenkst du mir einen Blick?“

 Oleg richtete sein Teleskop auf einen Planeten aus und wählte die maximale Vergrößerung und ließ ihn durchschauen. Er sah in ihm eher einen unerwarteten Gast und keinen ersehnten Freund.

„Ja“, sagte Peter und blickte durchs Okular, „Mars ist ein schwieriges Objekt für solche Teleskope. Aber dein Instrument zeigt Syrtis Major ausreichend klar.“

„Oh, oh, oh, wir stöbern wohl gelegentlich in der Astronomieabteilung?“, meinte Oleg angenehm überrascht.

„In der Astronomie, in der Physik und auch in der Chemie. Ich weiß zum Beispiel auch, dass dein Teleskop ein sogenannte klassische 11-Zoll-„Mizar“ aus dem Jahr 1988 ist.“

„Sind sie einer von uns?“, Olegs Augen leuchteten, „Ich wollte sagen, ein Astronom?“

„Nun, so etwas in der Art“, weichte der Verbindungsagent aus, „Jedenfalls bin ich nicht der, für den du mich anfangs gehalten hast. Ich bin keiner dieser Aktivisten verschiedenster Prediger und auch kein Jäger von fliegenden Untertassen. Weil ich bin… Darf ich?“

Peter richtete das Teleskop auf einen völlig anderen Punkt am Himmel. Dort gab es kein Objekt, das Oleg gekannt hätte.

„Hier. Schau.“

Oleg blickte durch das Okular seines Teleskops und erstarrte. Etwa ein Viertel des dunklen Sichtfeldes war von Irgendetwas, einer absolut unbestimmten Form, besetzt. Ein Ende war voller kleiner Sterne und Oleg konnte das Gefühl nicht loswerden, dass hier auf der unbeleuchteten Sonne Lichter eines Raumschiffes leuchteten. Nachdem es etwa 20 Sekunden starr im Zentrum der Abbildung verharrte, begann dieses Nichts schrittweise kleiner zu werden und nach einer Minute war es komplett aus dem Blickfeld verschwunden.

„Das war das Raumschiff Barnakass-4, kommentierte Peter, „Es bewegt sich gerade um die Erde. Die Entfernung entspricht  etwa dem doppelten Abstand zum Mond. Aber speziell für Sie, mein Herr, verkürzte es seine Distanz um die Hälfte.  Die Vergrößerung deines „Mizar“ ist natürlich groß,  aber so groß dann doch nicht. Du kannst aber seine Größe schützen. Nun, ich bin ein Verbindungsagent und hier, um eine offizielle Verbindung mit der Zivilisation auf der Erde aufzubauen, oder um sie zumindest vorzubereiten. Aber bis jetzt läuft es schlecht…“

Der Verbindungsagent erzählte dem Erdling fast alles. Sowohl über die Rasse der Lanijaner vom Planeten Lanija, der die gelb-orange Sonne Gerdsar umkreist und 1009 Lichtjahre von der Erde entfernt ist. Auch über ihre Expedition und die mühsame Suche nach Leben im Universum und ebenso über die mühsamen Versuche, mit den schlussendlich gefundenen Brüdern im Geiste in Kontakt zu treten. Die Leidenschaft der Kontaktaufnahme. Er erzählte im derartiges und eigentlich alles. Wozu noch zögern? Die Zeit drängt!

Psychologische Quarantäne?

Hauen Sie doch mit Ihrer psychologische Quarantäne ab, Herr Spezialist für die Kontaktaufnahme. Das ist unser Mann.

 Nachdem er dieses „unser Mann“  gehört hatte, schwieg er eine Weile und schaute auf den Mars, auf den das Teleskop erneut gerichtet war. Dann begann er:

„Du klingst wie ein richtiger Gangsterboss. Das ist interessant.“

„Offensichtich glaubst du mir nicht,“ stellte Peter fest.

„Und glaubst du, dass ich jetzt los renne um den UNO-Generalsekretär anzurufen?“

„Generalsekretär hin, Generalsekretär her, aber du hast doch das Schiff gesehen?“

„Pit, wir sind doch Wissenschaftler. Ich habe irgendein unbekanntes Objekt gesehen, das irgendwohin weggeflogen ist, das unter gewissen Annahmen einem Raumschiff ähnelte, mit leuchtenden Punkten, die unter gewissen Annahmen Bullaugen ähnelten. Schaust du keine Filme? Solange der Gerichtsmediziner nichts sagt, darf man nichts ausschließen und sogar eine Leiche ist bloß ein Gegenstand, der einer Leiche ähnelt. Nur ein Scherz. Du verstehst selber alles ausgezeichnet. Wenn du wirklich der bist, für den du dich ausgibst… Und auch „das Objekt, das einem Raumschiff ähnelte“  ist schon eine sehr starke Aussage. Das ähnelt absolut nichts,  was ich kenne.

 Und deine Sachkenntnis über mich, unter anderem über das Kaufdatum meines Teleskops, kann man wohl durch deine Verbindungen zu den betreffenden Organen erklären.“

„Weißt du“, teilte Peter plötzlich mit einem unerwarteten Enthusiasmus mit, „momentan ist die Sache mit, „ich glaube“ oder, „ich glaube nicht“ nicht wirklich wichtig. Ernsthaft. Jetzt interessiert mich nur ein Rat. Wir halten das alles, was ich dir erzählt habe, einmal für möglich. Was würdest du dann an meiner Stelle tun?“

„Ich? Also, weil ich ja noch Science-Fiction-Autor bin…“

„Ich weiß.“

„Ich sage nichts, wenn du mich unterbrichst. Ich würde für den Anfang vielleicht ein oder zwei Erzählungen zu dem Thema schreiben oder womöglich auch einen kleinen Roman… Weißt du, einen, der sehr farbenfroh, aber auch sehr realistisch ist, ohne unwissenschaftliche Theorien, ohne Verstöße gegen die Naturgesetze, ohne Magie, ohne Wunder und ohne anderen Fantasy-Mist. Nur harte Science-Fiction, wissenschaftliche Fantastik. Gut… Eigentlich…

Eigentlich fahre ich morgen, genauer gesagt schon heute auf eine Convention, so nennt sich ein Fantasy –Festival…“

„Ich weiß, dass die so heißen.“

 „Kommst du mit mir mit? Was denkst du? Dort versammeln sich intelligente Menschen und denken gemeinsam über dein beziehungsweise euer Problem nach.“

„Ach ja?“, sagte Peter unsicher, „Na gut. Aber bloß nicht mit dem Autobus. Fahren wir mit meinem Auto. Dann sind wir schneller.“

„Und hat dein Auto irgendeinen Antigraviationsmotor?“, lachte Oleg, „Nur ein Scherz.“ Er streckt seinem Gast die Hand entgegen: „Abgemacht!“

„Weißt du Oleg, wir können dir dankbar sein. Glaub´ mir…“

 

      Epilog

„Dankbar sein“, wunderte sich Oleg, nachdem sie morgens nach den Beobachtungen in seine Wohnung zurückkamen. „Bestellen sie einen neuen Rollstuhl oder was? Mit einem Antigraviationsmodul. Die regionale Ärztekammer wird umgangen.“

Er seufzte, stand leichtfüßig aus seinem Rollstuhl auf und ging zum Fenster hinüber. Er schaute nachdenklich in den leuchtenden Himmel. Dann drückte er seine Finger ein wenig ins Ohr und sagte:

 „Zentrale. Hier ist Oleg, der Verbindungsagent der Epoche 2009. Ich habe sie schlussendlich gefunden. Vernünftige! Was ist daran nicht zu verstehen? Seid ihr in eurem dreiundzwanzigsten Jahrhundert eingeschlafen?! Selbstverständlich, die Lanijaner! Diejenigen, die am Ende des zwanzigsten und am Anfang des einundzwanzigsten Jahrhunderts versucht haben, mit den Erdenbewohner in Kontakt zu treten, verschwanden irgendwohin, ohne eine Mondbasis errichtet zu haben. Sie erzählen noch in einem Briefing von den Aufträgen“, endete Oleg stotternd, „Ich spreche in einem normalen Ton. Welcher Planet, welche Epoche und eure Dummkopf-Fragen, in so einem Ton! Nein, ich sage ihnen noch. Es gibt genug Zeit. Eine psychologische Quarantäne. Und überhaupt haben sie einen nervösen Verbindungsagenten. Wenn es nicht notwendig gewesen wäre, eine Behinderung vorzutäuschen, hätte er von mir Schläge erhalten. Schickt in sechs Stunden eine Kapsel. Eine mit zwei Plätzen. Wir werden in Kontakt treten. Ende.“ Oleg zog den Kopfhörer des Zeittransfer-Mikrofons aus dem Ohr, warf es auf den Tisch und ließ sich auf das Bett fallen.

„Und in der Zwischenzeit werde ich ein wenig schlafen“, dachte er, „Dieser hängt mir schon zum Halse hinaus. Das muss man sich vorstellen! Fünf Jahre! Fünf Jahre meines Lebens! Als was habe ich mich hier alles ausgegeben? Von einem Notarzt bis hin zu… Und alles nur, um diese Chamäleons zu finden, diese Brüder im Geiste, verdammt,  die im falschen Jahrhundert auf die Erde kamen. Aus! Das ist mein letzter Fall. Mein letzter auf der Erde. Ich frage mich, ob der Apfelbaum unter meinem Fenster schon blüht? Auf dem Mars nahe dem Syrtis Major…“                     

1999 – 2009

Mykolaiv, Ukraine – Wien, Austria

  Bild von Ida Rätner


Diejenigen, die den Wunsch und die Fähigkeit haben, die Kreativität des Autors finanziell zu unterstützen, senden Sie Ihre freien Spenden an PayPal: asfaya2017@gmail.com

     

Share on Facebook0Tweet about this on Twitter0Email this to someoneShare on Google+0

Das könnte Dich auch interessieren …

By continuing to use the site, you agree to the use of cookies. more information

The cookie settings on this website are set to "allow cookies" to give you the best browsing experience possible. If you continue to use this website without changing your cookie settings or you click "Accept" below then you are consenting to this.

Close