Die Mauer

Stena

Si-Fi Gleichnis

    Herr Simon Vogel höhlte eine Mauer aus.

 Manchmal machte er es mit seinem kleinen Hammer, manchmal – gar mit der bloßen Faust. So leicht, leise tat er das. Er beklopfte buchstäblich. Und immer wieder betrachtete er genau die Stelle, wo er sie aushöhlte, er horchte dorthin…

 Schon zweiundzwanzig Jahre höhlte er aus. Als er den Installateurberuf aufgab, begann er sofort mit dem Aushöhlen. Ah, nein, Moment mal! Den Dienst verließ er, nachdem er mit dem Aushöhlen begonnen hatte. Und nachdem, die Rettung, die „Ambulance“, begonnen hatte, ihn regelmäßig mitzunehmen. Also… was heißt – aufgab? Das Sozialamt teilte ihm einfach mit freundlichen Grüßen mit, dass die Installateurvereinigung ihn, Herrn Vogel, nicht mehr brauche.

 Im Bezirk nannte man ihn „Verrückter Lochmacher“ oder gar – „Verrückter Arschlochmacher“. Kinder machten ihm zuerst Faxen und spotteten über ihn, alten Damen seufzten nur und schüttelten dabei mitfühlend den Kopf. Und Touristen sahen in ihm eine Sehenswürdigkeit der Stadt… Sogar der Ortspriester, Pfarrer Schönbon, nannte ihn „SL“ – „Seliger Lochmacher“. Was kann die Menge, der Durchschnittsnutzer, der weit vom Universum entfernt ist, schon sagen?

 Mit dem Lauf der Zeit beruhigte sich aber alles, alle waren an Herrn Vogel gewöhnt und hörten auf, ihm ihre Aufmerksamkeit zu schenken. Das Auto mit der Aufschrift „Ambulance“ hörte praktisch auf, ihn abzuholen. (Die Medikamente und das Personal reichten weder für solche Verrückten und noch nicht einmal für die gefährlichen.) Und auch das Auto mit der Aufschrift „Police“ fuhr immer an ihm vorbei: nicht ihr Kunde. Wenn Simon Vogel irgendwie die öffentliche Ordnung oder auf irgendeine Weise das Leben und die Ruhe der friedlichen Bürger gestört hätte, wenn er die Unversehrtheit und Sicherheit der städtischen Gebäude und Kommunikation bedroht hätte, dann natürlich…

 Hinter jener betonernen Mauer, die er aushöhlte (genauer gesagt, beklopfte), gab es weder eine Wohnung, noch nicht einmal einen Keller. Dort gab es bloß einen sanft abfallenden Hügel. Und darüber gab es eine Eisenbahnbrücke. „Soll er höhlen, wenn er will“, entschied die Behörde, „Wen stört er denn? Wir haben schließlich eine Demokratie, und jeder darf höhlen (oder zumindest leicht beklopfen) was er will und wo er will – wenn seine Höhlung andere Mitgliedern der Gesellschaft nicht stört!“ Und darauf hatte man sich verständigt.

 Und man ließ Simon Vogel in Ruhe.

 Und Simon Vogel höhlte aus. Fleißig, acht Stunden am Tag höhlte er aus. Mit Mittagspausen – alles wie in seiner vorherigen Arbeit. Auf ihn wartete ohnehin niemand zuhause. Und er wohnte doch sowieso dort in der Nähe: im Bahnwärterhäuschen… nachdem der Bahnwärter nach Hause zurückgekehrt war.

 Und dann an einem klaren warmen Sommerabend, als alle auf dem Nachhauseweg waren und auch Simon Vogel seinen Arbeitsplatz verlassen wollte, dachte die Mauer bloß:

 „Wie lange wird dieser Typ denn noch mit diesem Ziel vor Augen schuften und schwitzen?“

 Und in der Mauer begann der Wellengang eines Unterraumtransfer-Tunnels allmählich und langsam zu erscheinen…

25. Mai 2011, Wien, Österreich

Übersetzung von Johannes Haselsteiner

 


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